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Konkurrenten: Unerwünscht günstig

Wie Apotheker mit vereinten Kräften einen unliebsamen Konkurrenten schikanieren.

Medikamente sollen überall gleich viel kosten, damit Kranke nicht gezwungen sind, auf Schnäppchenjagd zu gehen. Das galt bis vor knapp drei Jahren auch für rezeptfreie Mittel, etwa gegen Husten oder Schnupfen. Weil sie bestenfalls lindern, aber nicht heilen. Viele davon dürfen deshalb nicht mehr verschrieben werden. Wer sie dennoch haben will, muss selbst bezahlen.

Seit 2004 sind diese Mittelchen

von der "Festpreisbindung" befreit. Jeder Apotheker kann nehmen, so viel er will. Wundersamerweise wurden sie von beinahe allen Apothekern aber weiter zu dem Preis verkauft, den die Hersteller empfehlen. Der ist immer hoch. Wenn sich ein Kunde beklagt, hört er häufig den Satz "Ist gesetzlich vorgeschrieben" und bekommt ein Päckchen Tempo gratis.

Wenn eine Apotheke doch einmal Rabatte gab, hatte sie meist gleich Magdalene Linz am Hals, die Präsidentin der Bundesapothekerkammer und der Landeskammer in Niedersachsen. Rabatte, rügte sie, verführten zum Medikamentenmissbrauch und seien sowohl mit der Berufsethik als auch mit ihrem christlichen Gewissen nicht vereinbar.

Magdalene Linz, 52, ist auch Inhaberin der Delfin-Apotheke an der Lister Meile in Hannover und damit Konkurrentin der Easy-Apotheke am nahe gelegenen Raschplatz. Die gibt seit Mai auf ihr gesamtes Angebot (Rezeptpflichtiges ausgenommen) zwischen 5 und 50 Prozent Rabatt. Seitdem hat sich dort die Kundenzahl verdoppelt - schlecht für die Präsidentin, noch schlechter für ihre Delfin-Apotheke.

In Niedersachsen gibt es inzwischen vier Easy-Apotheken. Zwei in Hannover, eine im Vorort Laatzen und eine vierte im fernen Emden. Eine fünfte in Hildesheim, südlich von Hannover, will demnächst eröffnen. Wegen ihrer gemeinsamen Discount-Strategie sind sie, obwohl erst in diesem Jahr damit gestartet, in der Region bereits als "Aldi-Apotheken" populär. Im Laufe des nächsten Jahres sollen 100 weitere Easy-Apotheken in ganz Deutschland hinzukommen.

Das zu schaffen ist allerdings nicht so easy. Die Apothekerkammer Niedersachsen mit ihrer Präsidentin Magdalene Linz wirft den Easy-Apothekern Knüppel zwischen die Beine, wo sie nur kann. Die harmloseren sind Abmahnungen von der "Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs", wenn sie etwa versäumt haben, in ihren Zeitungsanzeigen den ausgeleierten Spruch "Zu Risiken und Nebenwirkungen ..." einzufügen. Die schwerwiegenden sind Anträge auf Eröffnung berufsgerichtlicher Prozesse: In denen kann es um die geschäftliche Existenz gehen.

Gegen die Easy-Apotheker in Emden und Laatzen sind solche Verfahren bereits beantragt. Begründung: Als der Pillenverkäufer in Emden im Studio von "Radio Ostfriesland", zehn Minuten von seiner Apotheke entfernt, ein Streitgespräch mit einem Verbandsfunktionär über Discountpreise führte, kam jemand in seine Apotheke und stellte die Verletzung der Präsenzpflicht fest. Und gegen den Easy-Mann in Laatzen ist das Verfahren unter anderem deshalb beantragt worden, weil er, so die Kammer, in einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" gesagt hatte, als Apotheker müsse man sich nicht unbedingt einen Ferrari und einen Swimmingpool leisten können.

Am bittersten hat es die noch nicht eröffnete Easy-Apotheke in Hildesheim erwischt. Alle 31 Apotheken dieser Stadt und etliche aus dem Umland haben ihren Großhändlern gedroht, nicht mehr bei ihnen einzukaufen, falls sie die Easy-Apotheke belieferten. Die Großhändler, denen damit ein Umsatzverlust von jährlich 100 Millionen ins Haus stände, spurten: Die Hildesheimer Easy-Apotheke hat noch keine Pille im Regal und muss die Eröffnung auf Anfang nächsten Jahres verschieben.

Ärger hat allerdings auch Magdalene Linz, die forsche Kammerpräsidentin. Trotz ihrer Appelle an Ethik und christliches Gewissen war sie mit ihrer Delfin-Apotheke in aller Stille einem Rabattverbund Hannoveraner Apotheken namens "Apogen" beigetreten, der in Zeitungsannoncen für Rabattaktionen warb. Das sprach sich bundesweit unter den Apothekern herum. Ihre Präsidentin sei, spotteten sie, "ethisch-monetisch". Weil Apotheker ihre Kammer wegen Zwangsmitgliedschaft nicht verlassen können, drohten sie empört mit Stornierung ihrer Beiträge.

Aus ihrem Rabattverein ist die Präsidentin wieder ausgetreten. Auf die Bitte des stern um eine Stellungnahme sagte sie: "Ich sage nichts."

Jürgen Steinhoff / print