KONKURS Krisen-Job Insolvenzverwalter


Seitdem immer mehr Firmen pleite gehen, steht dieser fast unbekannter Berufsstand im Vordergrund. Manchen gelingt sogar die Sanierung der betroffenen Firmen.

»Wir sind pleite.« In krisengeschüttelten Branchen wie der Bauwirtschaft hat dieser verhängnisvolle Satz schon Tradition. Neuerdings ist er immer häufiger auch von Unternehmen am Neuen Markt zu hören. Manager von 28.000 Betrieben und Kleingewerben in Deutschland haben ihn im vergangenen Jahr über die Lippen gebracht. Für den Stuttgarter Rechtsanwalt Volker Grub (63) bedeutet dieses Bekenntnis vor allem eins: Arbeit. »Insolvenzverwalter« heißt eine seiner Aufgaben seit dem 1.1.1999, als das Wort »Konkurs« durch ein neues Gesetz aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwand. Bekannt geworden ist Grub vor allem durch die Pleiten des Mischkonzerns Bauknecht 1982 und der größten deutschen Molkerei Südmilch 1993.

Quasi-Geschäftsführer

Wenn eine Firma insolvent, also zahlungsunfähig ist, bleiben drei Wochen Zeit, beim Amtsgericht die Eröffnung eines Verfahrens zu beantragen. Das Gericht ernennt dann zum Beispiel auf Vorschlag eines Gläubigers einen Insolvenzverwalter, der das Unternehmen zunächst auf Herz und Nieren prüft. Wenn das Verfahren nicht »mangels Masse« abgelehnt, sondern tatsächlich eröffnet wird, erhält der Verwalter besondere Vollmachten: Er kann zum Beispiel Verträge abschließen oder Mitarbeitern kündigen. »Ich schlüpfe in die Rolle des Geschäftsführers«, berichtet Grub. Oft setzt er Anwälte aus seiner Kanzlei ein, die das Tagesgeschäft der Firma weiterführen. Er selbst kümmert sich in Abstimmung mit den Gläubigern um ein Sanierungskonzept oder sucht nach potenziellen Käufern.

Trend zu großen Verfahren

Mehr als zwei oder drei Fälle gleichzeitig kann Grub in der Regel nicht betreuen. Weil der Trend zu großen Verfahren geht, hat er sich im Februar 2001 mit dem Heidelberger Kollegen Jobst Wellensiek (Klöckner, Bremer Vulkan, Maxhütte) zusammengeschlossen. Zusammen beschäftigen die beiden Veteranen 40 Anwälte an sieben Standorten. Mit den Wirtschaftsprüfern von Ernst & Young wurde zwar eine Kooperation vereinbart, doch Grub und Wellensiek wollen unabhängig bleiben. Immer lukrativer wird dabei die so genannte Sanierungsberatung, die zu außergerichtlichen Einigungen führen soll.

Besonders wichtig: Verschwiegenheit

Grub setzt bei solchen Geschäften auf Verschwiegenheit. In manchen Branchen bedeutet die Insolvenz nämlich ein ewiges Makel, und schon der bloße Kontakt mit dem drahtigen Rechtsanwalt kann unerwünschte Folgen haben: Als Grub sich einmal privat mit einem befreundeten Unternehmer zum Essen traf, verlangte ein Lieferant am nächsten Tag eine Bürgschaft von dem Manager. Auf die Frage nach dem Grund antwortete der Lieferant: »Ich habe Sie gestern mit Grub gesehen.«

Neues Insolvenzrecht hilft

Doch auch die Rolle des Hoffnungsträgers muss der Jurist spielen. Er hört sich die Berichte der Mitarbeiter in den kränkelnden Betrieben an - auch die der alten Chefs. »Mir wird enormes Vertrauen entgegen gebracht«, meint Grub. Die Bereitschaft, Veränderungen mitzutragen, ist in solchen Notlagen oft größer als die Angst vor Entlassung oder neuen Eigentümern. Nach zwei Jahren mit dem neuen Insolvenzrecht, das alte Gesetze von 1877 und 1935 ablöste, zieht Grub eine positive Bilanz. Wenn früher drei von vier Verfahren abgelehnt wurden, ist es heute nur noch jedes zweite, Tendenz fallend. Dadurch erhalten mehr Unternehmen die Chance auf eine Sanierung.

Vom Pleitegeier zum Sanierer

Am Anfang seiner Karriere wurde Grub von den Kollegen noch als Pleitegeier belächelt. Heute ist sein Know-how über die Schattenseiten des Unternehmertums gefragt, Nachwuchssorgen hat die Kanzlei nicht. Fast alle, nämlich 90 Prozent der Pleiten, sind nach Grubs Einschätzung auf Fehler des Managements zurückzuführen. Äußere Einflüsse oder gar höhere Gewalt sind nur selten der Auslöser. Aus seiner Erfahrung hat der Rechtsanwalt nur wenig Zuversicht, dass gescheiterte Entrepreneure in ihrem nächsten Unternehmen umsichtiger wirtschaften. »Häufig machen sie den gleichen Fehler auch ein zweites Mal«, meint er.

Alexander Missal


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