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Ruf nach 30-Stunden-Woche: Ein Wahlkampfmärchen

Wir alle sollen weniger arbeiten, maximal 30 Stunden in der Woche, aber nicht weniger verdienen. Das fordern 100 Prominente in einem offenen Brief. Kann man das ernst nehmen? Besser nicht.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Mehr als 100 Prominente sprechen sich für eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich aus. Mit diesem radikalen Vorstoß wollen sie Massenarbeitslosigkeit und Lohnverfall begegnen. Denn immer weniger Menschen können von ihrem Gehalt angemessen leben.

Die grundlegenden Daten der Initiative stimmen: Bei genauerer Betrachtung ist es nicht richtig, dass es in der Bundesrepublik "nur" drei Millionen Arbeitslose gibt, wie die offizielle Statistik uns erzählt. Weitere drei Millionen müssen ehrlicherweise hinzugezählt werden – die Ein-Euro-Jobber, die vielen auf die eine oder andere Weise Teilzeit-Beschäftigten und die Jugendlichen wie die älteren Arbeitslosen. Sie alle können von ihrem Einkommen nicht leben. Gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen, die wegen eines Burnout-Syndroms dem Arbeitsleben nicht mehr gewachsen sind. Weil sie durch Beruf und familiäre Pflichten überfordert sind, da sie etwa die Eltern pflegen müssen.

Die SPD ist soeben dabei, die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Wahlkampfthema zu machen. Allerdings fordert sie, dass die 30-Stunden-Woche für junge Väter und Mütter durch staatliche Finanzzuschüsse aufgebessert werden müsse. Das Model helfe auch, bei Frauen einen Karriereknick zu vermeiden, weil sie dann nicht auf längere Zeit wegen der Kinder aus dem Berufsleben ausscheiden müssten.

Wer soll das bezahlen?

Wie die schönen Pläne indes finanziert werden sollen, dazu äußern sich weder Wirtschaftsforscher noch Politiker. Und was heißt schon, dass die vorhandene Arbeit endlich fair durch eine "kollektive Arbeitszeitverkürzung" verteilt werden müsse? Mehr als sozialphilosophische Randbemerkungen sind dazu nicht zu hören.

Gesagt wird auch dazu nichts, wie etwa die Gewerkschaften mit dem Projekt umgehen sollen, das natürlich nicht im Rahmen der Tarifpolitik umgesetzt werden kann und soll. Also weg mit der Tarifhoheit? Das klingt sehr nach Entmachtung der Gewerkschaften. Und natürlich sollen auch die Unternehmer durch Abschöpfung ihrer Gewinne zur Kasse für diese so schön klingende Reformidee gebeten werden. Nur dazu, wie es um die künftige Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen bestellt sein dürfte, wenn ihr Produktivitätsfortschritt gebremst und ihre Wettbewerbsnachteile vergrößert werden, hört man nichts.

Reine Rechenspiele

Und noch eine Tatsache wird von den Befürwortern der 30-Stunden-Woche ausgeklammert: Es gibt in den Bundestagsparteien, von der Linkspartei abgesehen, dafür keine politische Unterstützung. Weder für eine neue Gewinnverteilung auf der Arbeitgeberseite, noch für eine generelle Arbeitszeitverkürzung. Und gegen die niedrige deutschen Geburtenrate wird sich auf diesem Wege nicht ankommen lassen. Von der gesamtgesellschaftlichen Unterstützung, die diese Idee bräuchte, um auch nur annähernd realisiert zu werden, ist ebenfalls nichts zu sehen.

Ein Wahlkampfwölkchen schwebt über der Republik. Produziert von ziemlich weltfremden Ökonomen und dilettantischen Sozialphilosophen. Nicht mehr als eine schematische Verteilungsarithmetik, rein rechnerisch angestellt. Das geht alles an der Bewusstseinslage der deutschen Bürger vorbei. Wer möchte schon seinen guten Job los sein, weil der einen Einsatz von mehr als 30 Stunden die Woche verlangt?