Venezuela Und wenn es gar nicht ums Öl geht?

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Eine Demonstrantin vor dem Weißen Haus hält ein Schild mit dem Spruch "The Empire is thirsty"
"The Empire is thirsty": Am Wochenende demonstrierten Menschen gegen den vermeintlichen Erdöldurst der USA in Venezuela
© Bryan Dozier
Donald Trump will, dass US-Konzerne Milliarden in venezolanische Ölförderung pumpen. Doch ob sich das lohnt, ist fraglich, sagt eine Rohstoffexpertin. Was ansonsten dahintersteckt.

Frau Yu, der Ölpreis hat kaum reagiert – obwohl Trump ankündigte, die US-Ölkonzerne würden bald Milliarden in Venezuela investieren. Warum beflügelt das die Märkte nicht?
Der Ölmarkt befindet sich aktuell in einem ausgeprägten Überangebot:  Es wird deutlich mehr Öl gefördert als nachgefragt. Sollten aufgrund der politischen Spannungen kurzfristig Lieferausfälle aus Venezuela auftreten, könnten diese vom Markt problemlos aufgefangen werden. Das globale Angebot ist derzeit groß genug, um solche Risiken zu kompensieren – zumal sich der Angebotsüberschuss perspektivisch sogar noch ausweiten dürfte. Darüber hinaus spielt Venezuela für die weltweite Ölversorgung ohnehin nur noch eine untergeordnete Rolle.

Zur Person

Linda Yu ist Analystin für Rohstoff- und Energiemärkte bei der DZ Bank.

Aber Venezuela sitzt auf fast einem Fünftel der weltweiten Ölvorkommen. Wie kann es sein, dass dieser riesige Rohstoffschatz kaum gefördert wird?
Weil jahrzehntelange Misswirtschaft und Korruption im staatlichen Ölkonzern PDVSA dazu geführt haben, dass notwendige Investitionen ausblieben und die Förderinfrastruktur weitgehend verfallen ist. Die US-Sanktionen und das Ölembargo ab 2019 haben diese strukturellen Defizite weiter verschärft, weil sie ausländisches Kapital und technisches Know-how zusätzlich fernhielten.

Investitionen sollen nach Trumps Willen ja jetzt wieder fließen. Sind diese Ölvorkommen für die US-Konzerne schnell zugänglich?
Die Lagerstätten grundsätzlich zugänglich, die Förderung lässt sich aber nicht ohne Weiteres kurzfristig hochfahren. Es fehlen funktionierende Förderanlagen, Transportinfrastruktur und technisches Know-how. Dafür braucht es erhebliche Investitionen, vor allem aus den USA. Zusätzlich müssten rechtliche und regulatorische Rahmenbedingungen angepasst werden, um Investitionen abzusichern. Selbst unter günstigen Voraussetzungen ist frühestens in drei bis fünf Jahren mit einer spürbaren Ausweitung der Produktion zu rechnen.

Dabei liegt der Ölpreis schon jetzt am Boden. Lohnt sich dieses Investment überhaupt für die Ölkonzerne?
Das hängt maßgeblich vom Ölpreis ab. Ein Vorteil für US-Konzerne ist, dass venezolanisches Schweröl gut zu den bestehenden Raffinerien in den USA passt und sich vergleichsweise kostengünstig verarbeiten lässt. Bei einem Preisniveau wie dem derzeitigen von rund 60 Dollar je Barrel könnte sich ein Engagement vermutlich rechnen. Sinkt das Niveau jedoch über einen längeren Zeitraum darunter, wird die Wirtschaftlichkeit schnell fraglich.

Schneiden sich die Konzerne dann nicht ins eigene Fleisch, wenn sie die Ölproduktion in Venezuela ankurbeln und den Preis noch weiter drücken?
Dieses Risiko ist durchaus gegeben. Der Markt ist bereits von einem Überangebot geprägt, und die Nachfrage bleibt wegen der schwachen Konjunktur in China gedämpft. Wenn sich die Nachfrage nicht spürbar belebt, dürfte zusätzliches Angebot den Preisdruck weiter erhöhen. Ob sich Investitionen lohnen, hängt daher entscheidend vom Break-even-Preis ab, der sich derzeit jedoch nur schwer abschätzen lässt.

Gleichzeitig zur Ölschwemme auf den Märkten hat sich die Welt ja eigentlich vorgenommen, aus den fossilen Energien auszusteigen. Brauchen wir dieses zusätzliche Öl denn noch?
Kurz- bis mittelfristig ja, langfristig aber immer weniger. Bis mindestens Mitte der 2030er Jahre bleibt Öl ein zentraler Energieträger, da die globale Nachfrage langsamer sinkt als erwartet. Die weltweite Nachfrage wird trotz der Dekarbonisierungsbemühungen vorerst weiter wachsen. In Europa stockt der Umstieg auf erneuerbare Energien teilweise, während er in den USA Gefahr läuft, politischen Interessen zum Opfer zu fallen. Gleichzeitig zeigt das aktuelle Überangebot, dass bereits heute mehr Öl produziert wird, als benötigt wird. Das spricht dafür, dass diese Entwicklung nicht allein durch wirtschaftliche Motive erklärt werden kann.

Worum geht es noch?
Es geht auch um geopolitischen Einfluss: Die USA wollen ihre Position in Lateinamerika stärken, da Russland und China dort in den vergangenen Jahren an Einfluss gewonnen haben – unter anderem durch Infrastrukturinvestitionen und langfristige Ölbeziehungen. Der Zugang zu strategischen Rohstoffen und geopolitische Machtfragen sind eng miteinander verknüpft.

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