HOME

Telekom-Börsengang: Die Anleger zahlten Lehrgeld

Am 18. November 1996 ging die Telekom an die Börse - und Hunderttausende investierten ihr Geld in die "Volksaktie". Zehn Jahre und viele Kursstürze später spricht Aktionärsschützer Lars Labryga im stern.de-Interview ein paar bittere Wahrheiten aus.

Vervollständigen Sie denn Satz: Der Begriff Volksaktie ...

... impliziert eine romantisierende Vorstellung des Aktienmarktes.

Vor zehn Jahren wurde die Telekom-Aktie als so genannte "Volksaktie" an die Börse gebracht. Hat sie den Namen zu Recht bekommen?

Wenn man unter Volksaktie versteht, dass viele Leute aus dem Volk zu den Aktionären gehören, dann schon. Aber wenn man damit auch einen inhaltlichen Anspruch verbindet, dann ist sie es definitiv nicht. Denn eine Volksaktie, die ihren Namen zu Recht tragen würde, wäre eine langfristig stabile Aktie, die unter der besonderen Begünstigung des Bundes steht.

Trotzdem haben damals viele Menschen zum ersten Mal Aktien gekauft. Warum?

Viele haben gedacht, der Bund wird schon dafür sorgen, dass der Börsengang kein Flop wird. Der Einstieg wurde als eine sichere Sache angesehen. Und man muss sich klarmachen, dass sehr viele Aktionäre, die beim ursprünglichen Börsengang eingestiegen sind und zum richtigen Zeitpunkt verkauft haben, viel Geld verdient haben. Denn tatsächlich ist der Kurs zunächst durch die immer größere Nachfrage beständig angestiegen. Und wie meistens, wenn die Kurse steigen, wird gekauft. Bei der zweiten und dritten Tranche wurde dann diese Anfangseuphorie wiederbelebt. Dies war allerdings vor allem im Fall der dritten Tranche schon bösartig, denn der Kurs war zuvor schon drastisch von über 100 auf ungefähr 65 gefallen.

Wurden die Anleger also bewusst getäuscht?

Getäuscht hieße ja, man wäre sich bei der Emission der dritten Tranche sicher gewesen, dass der Kurs weiter fällt. Dennoch hätte man vom Telekom-Management im Verlaufe der Internet-Blase schon verlangen müssen, dass sie die Anleger vor der Kursübertreibung warnen. Aber welcher Vorstand wird so etwas sagen, zudem wenn ihm ein Mehrheitsaktionär im Nacken sitzt, der sich in einer schwierigen Haushaltslage befindet und sich über jede Kurssteigerung freut.

Schuld hatte also der Bund?

Ich sehe schon eine starke Mitverantwortung des Bundes. Denn schließlich hat er die Aktien im Rahmen der dritten Tranche verkauft beziehungsweise durch die Telekom vermarkten lassen. Damals wurde versprochen, dass die Telekom goldene Zeiten entgegen marschiert, obwohl der Kurs schon nach unten ging.

Waren auch die Neuaktionäre zu naiv?

Teilweise. Wenn man als Neuanleger an den Markt kommt und Aktien kauft, weil der Nachbar damit viel Geld gemacht hat, ist man selber Schuld.

Was raten Sie nun Anlegern, die - vor allem bei der dritten Tranche - zu sehr hohen Kursen eingestiegen sind und immer noch auf einen Kursaufschwung hoffen?

Wer mit der dritten Tranche eingestiegen ist und immer noch darauf wartet, bis den Kurs wieder auf 65 Euro steigt, handelt unklug. Denn diese Haltung kostet an der Börse am meisten Geld. Man sollte nicht sein ganzes Leben lang darauf setzen, dass man sich damals nicht geirrt hat. Möglicherweise sollten diese Leute gerade aus psychologischen Gründen verkaufen und sich klarmachen, dass sie damit Lehrgeld bezahlen.

Wäre es denn sinnvoll, jetzt neu in Telekom-Aktien einzusteigen?

Natürlich gibt es nach dem Vorstandwechsel kurzfristig Chancen, weil der neue Telekom-Chef René Obermann Sachen sagt, die der Börse gefallen. Spekulativ hat die T-Aktie durchaus Potential. Langfristig kann ich es aber nicht bewerten. Die Telekom ist momentan in einem sehr schwierigen Fahrwasser und der Anspruch als Wachstumswert glaubt dem Unternehmen keiner mehr. Aber Chancen für eine positive Entwicklung bei der Telekom sind schon da. Das Unternehmen macht gute Geschäfte im Ausland und die Schulden haben sich in den letzten Jahren deutlich verringert.

Bisher haben wir nur über die negativen Seiten des Telekom-Börsengangs gesprochen. Hatte er auch positive Seiten?

Definitiv. Er hat zwar viele Leute von der Anlage in Aktien abgeschreckt. Er hat aber auch vielen Menschen diese Anlageform erst nahe gebracht. Deshalb würde ich schon sagen, dass der Börsengang der Telekom insgesamt positive Auswirkungen hatte. Ich hoffe darauf, dass die Anleger, die sich bei der Telekom die Finger verbrannt haben, der Aktie als Anlageform nicht endgültig den Rücken kehren. Aber die nun herrschende, vorsichtigere Einstellung an der Börse ist gesund. Insofern hat der Börsengang der Telekom einen Turbo-Lerneffekt für den immer noch drögen und lernenden deutschen Aktienmarkt gehabt.

Interview: Malte Arnsperger