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Detektivarbeit: Gesucht: Blaumacher!

Mit immer rabiateren Methoden fahnden Firmen und Krankenkassen nach Simulanten. Viele Detektive verdienen gut an den Urlaubern auf Krankenschein.

Lustlos stochert Mark Fischer* (*Name von der Redaktion geändert) in einer Dose Spaghetti mit Tomatensoße. "Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen?", fragt er sich und meint nicht die kalten Nudeln. Heute Morgen war er bei seinem Hausarzt. Der hatte vor drei Wochen eine "akute Belastungsreaktion" diagnostiziert und ihn arbeitsunfähig geschrieben. Aber richtig schlimm wird es erst jetzt. Der Doktor behauptet doch tatsächlich, sein Patient sei wieder fit. "Arbeiten gehen", stöhnt Fischer und schaufelt weiter Dosen-Pasta in sich hinein.

Der junge Klinikangestellte aus Berlin muss ein Wrack sein. Jahr für Jahr wird er bis zu zehnmal krankgeschrieben: das Rumpeln im Magen, die schweren Beine, das Zwicken im Rücken, der verfluchte Schwindel, ein schlimmer Husten, Druck im Brustraum, quälende Migräne, unspezifische Nervenschmerzen, gelegentlich auch Fieber. Nicht zu vergessen der labile Kreislauf. Ursachen für das häufige Leiden konnten seine Ärzte zwar nur in Ausnahmefällen finden, krank schrieben sie ihn trotzdem.

Deshalb hat er jetzt Besuch bekommen. Helga Neuhaus fahndet für die Betriebskrankenkasse (BKK) Berlin nach Blaumachern. Die examinierte Krankenschwester war heute schon bei der Kindergarten-Köchin mit den Rückenproblemen, der Altenheim-Putzfrau mit Atemnot, dem Gärtner mit den schmerzenden Handgelenken und beim Ehepaar, das seit Jahren "zufällig" immer zum selben Zeitpunkt krank wird. Jeder der Besuchten hat sich in den vergangenen Jahren jeweils mindestens siebenmal krankgemeldet. Überrascht von der nicht angekündigten Visite geben die Versicherten stockend Auskunft. Verpflichtet sind sie dazu nicht, aber das weiß wohl niemand.

Nein, eine Stuhluntersuchung habe der Doktor trotz häufigen Durchfalls noch nicht angeordnet, sagt ein Malergeselle. In den vergangenen drei Jahren kam der 23-Jährige auf rund 100 Krankentage. Immer mit wechselnden Bagatell-Diagnosen wie "Kopfweh" oder "Unwohlsein". Dass ihn jemand mal danach fragt, gefällt ihm nicht. "Da muss ich wohl die Krankenkasse wechseln", schimpft er.

Helga Neuhaus beeindruckt das nicht. Den Mann werde sie zur Probeuntersuchung beim Medizinischen Dienst antreten lassen, sagt sie. Ein Beispiel, das Schule macht. Angesichts explodierender Kosten und Beiträge im Gesundheitswesen hat nun auch die Hamburger BKK den Druck auf Blaumacher verstärkt. Verdächtige Patienten werden nach einem Hausbesuch zur Nachuntersuchung in die Zentrale der Versicherung bestellt. Geprüft wird auch, ob Mediziner, die vorschnell krankgeschrieben haben, in Regress genommen werden können. In einem Schreiben hat die BKK 2.000 Hamburger Unternehmer aufgefordert, "verdächtige" Arbeitnehmer zu melden. Als Anlage zu dem Brief legte die Versicherung eine Liste mit den Namen von zehn Ärzten bei, die durch häufiges Krankschreiben "auffällig geworden" sind. Die Mediziner sind empört, einige haben rechtliche Schritte gegen die Kasse eingeleitet.

Der Berliner BKK-Chef Jochen Schulz beklagt eine "regelrechte Selbstbedienungs-Kumpanei" zwischen Medizinern und Patienten. Einige Doktoren würden "Urlaub auf Krankenschein" regelrecht zum Kundenfang einsetzen. "Gerade weil wirklich Kranke geschützt werden müssen, können wir uns Sozialschmarotzer nicht mehr leisten", sagt Schulz. Wer sich nicht für seine Firma engagiert, unproduktiv arbeitet und vor allem durch hohe Fehlzeiten auffällt, schädigt die Volkswirtschaft immens: Das renommierte Wiesbadener Gallup-Institut errechnete die gigantische Summe von 226 Milliarden Euro jährlich - fast so viel wie der gesamte Bundeshaushalt.

Zwar ist der Krankenstand zwischen 1995 und 2002 von 5,1 Prozent auf etwa vier Prozent gesunken. Wichtigster Grund für den Rückgang sei die Angst um den Arbeitsplatz, vermuten Experten. Die wenig dramatisch klingenden Durchschnittswerte verschleiern jedoch zwei wichtige Punkte. Erstens werden die klassischen Blaumacher-Verdächtigen, die zwei bis drei Tage "ausspannen", von den Kassen unterschlagen. Die Statistik erfasst nur Krankmeldungen, bei denen ein ärztliches Attest vorliegt. Das verlangen viele Unternehmen erst ab dem vierten Tag.

Und zweitens klagen manche Branchen, wie die Bauwirtschaft oder der öffentliche Sektor, über deutlich höhere Ausfälle. Fehlzeiten von bis zu 15 Prozent sind bei Mitarbeitern kommunaler Unternehmen keine Seltenheit. Der Düsseldorfer Detektiv Manfred Lotze berät Betriebe, etwa aus dem Speditionsgewerbe, in denen sich die "Drückebergerei wie ein Virus ausgebreitet" hat. Der Negativrekord sei ein Krankenstand von 27 Prozent gewesen.

Je schlechter es den Firmen im Konjunkturtief geht, desto öfter schalten sie auf der Jagd nach vermeintlichen Drückebergern Privatdetektive ein. Im Jahr 2002 habe es rasante Zuwächse von bis zu 50 Prozent bei den Blaumacher-Beschattungen gegeben, bestätigten auf Anfrage des stern 60 von 65 renommierten deutschen Detekteien. "Mindestens bei jedem vierten Auftrag geht es mittlerweile um Lohnfortzahlungsbetrug im Krankheitsfall", schätzt Josef Riehl, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Detektive.

Zunehmend spiele bei den Recherchen der Wunsch der Auftraggeber eine Rolle, die Belegschaft in Zeiten leerer Auftragsbücher zu reduzieren, berichten Detektive. Arbeitnehmer, die erwischt werden, müssen bei einer fristlosen Kündigung nicht nur auf eine Abfindung verzichten. Sie bekommen auch die Kosten für den Schnüffeleinsatz aufgebrummt, das werden leicht mehrere tausend Euro.

Die Schnüffeloffensive sei "allzu verständlich", meint Volker Hansen von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Besonders kleinere Betriebe könnten durch notorische Blaumacher schwer geschädigt werden. Frank Maser, Inhaber des Bielefelder Geräteherstellers Umeta, hat lange zugeschaut. Einer seiner Metallarbeiter meldete sich mit Rückenschmerzen binnen sechs Monaten achtmal krank. 61 Fehltage kamen so zusammen. Firmenchef Maser fühlte sich "regelrecht ausgeplündert". Er beauftragte einen Privatdetektiv: Der "Rückenleidende" zerlegte auf dem Schrottplatz seines Bruders fleißig Autos.

"Ich kenne Scheinkranke, die sich im Puff therapieren lassen", erzählt Privatdetektiv Norbert Haake. 28 Jahre war der Frühpensionär beim Militärischen Abschirmdienst. Als Leiter des Observationstrupps hat er Spione verfolgt und die Bundesrepublik vor "kommunistischer Unterwanderung" geschützt. Jetzt beschattet er mutmaßliche Blaumacher wie jenen Mann, der sich neunmal in den vergangenen zehn Monaten krankgemeldet hat. Bei Anrufen der Personalabteilung nahm niemand den Hörer ab, bei Hausbesuchen wurde der Betriebsschlosser nicht angetroffen. Heute hat Haake ihn beobachtet. Im Blaumann legte der angeblich Kranke sich morgens unter die Fahrzeuge eines Autoverleihers. Haake fotografierte und ging kurz darauf als angeblicher Kunde in die Firma. Der junge Mann pflege den Fahrzeugpark, erfuhr er auf Nachfrage. Ein Allerweltsfall.

Die Erfolgsquoten der Blaumacherjäger sind hoch, heißt es beim deutschen Detektiv-Verband. "Die Arbeitgeber haben sich die Bespitzelungen schließlich meist gründlich überlegt", meint der Kölner Detektei-Chef Lothar Wenzel. Allein an Weiberfastnacht enttarnten seine Mitarbeiter sechs Scheinkranke. Wenzel, als "Don Camillo" verkleidet, beschattete einen Mann im Biene-Maja-Kostüm. Der angeblich Depressive feierte ausgelassen und knutschte mit einer Zufallsbekanntschaft im Nonnenkostüm.

Wenn selbst nach intensiver Beschattung nichts gefunden wird, müsse eben "ein wenig getrickst werden", gesteht der Münchner Detektiv Heiko Maniero freimütig. Getarnt als Marktforscher, klingelt er etwa an der Haustür und bemüht sich, die Auszuspähenden mit einem Fragebogen zum Thema "Aktuelles Freizeitverhalten" in Widersprüche zu verwickeln. Gelegentlich schickt Maniero einen Gewinnbrief: Der Kranke habe im Preisausschreiben gewonnen, eine Reise für zwei Personen, die in den nächsten Tagen angetreten werden müsse. "Wer annimmt, hat den Job schon verloren", sagt Maniero.

Um seinen Arbeitsplatz bangen muss aber nicht jeder ertappte Blaumacher. Die Grenze zwischen erlaubt und verboten hängt vom diagnostizierten Leiden und den Auflagen des Arztes ab. Wer krankgeschrieben ist, darf eventuell auch ins Kino oder in die Kneipe gehen. Ein Kommissionierer, der trotz Meniskusschaden einen Busausflug machte, behielt seinen Job. "Die Gefahr einer falschen Bewegung" bestehe schließlich auch zu Hause, heißt es im Urteil des Arbeitsgerichts Frankfurt. Auch einem Werftarbeiter, der trotz Bandscheibenvorfall in seiner Garage Schweißarbeiten durchführte, durfte nicht gekündigt werden. Der Mann müsse nicht ständig im Bett liegen, Regungslosigkeit sei nicht gesundheitsfördernd, urteilte das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein. Dasselbe Gericht jedoch bestätigte die fristlose Kündigung einer Justizangestellten, die mit angeblich lädiertem Handgelenk abends in einer Band Keyboard gespielt hatte.

Die Kassen haben Berge von Daten über die Arbeitsunfähigkeit ihrer Mitglieder gesammelt. Demnach ist nicht der viel zitierte "blaue Montag" der Tag, an dem die meisten Arbeitnehmer krank werden, sondern der Dienstag. Auch Selbstständige gehören zu den Simulanten. Die Allianz Private Krankenversicherung hat von Mai bis Dezember vergangenen Jahres 3.000 Verdächtige besucht. Dabei wurden rund 1.400 Drückeberger ertappt und abgemahnt, so Sprecherin Kathrin Ehrig. In 53 Fällen sammelten Detektive Beweise, mit denen Versicherten gekündigt wurde. Insgesamt sparte die Allianz durch ihre Kontrollen im vergangenen Jahr 3,8 Millionen Euro Krankentagegeld.

Kassen und Arbeitgeber können bei Zweifeln an der Arbeitsunfähigkeit den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) mit Kontrolluntersuchungen beauftragen. Schon dem Einladungsschreiben kommt oft wundersame Heilkraft zu. Von etwa 60.000 Versicherten, die der MDK Berlin-Brandenburg 2001 anschrieb, erschien die Hälfte wegen überraschender Genesung erst gar nicht. Und in 15.000 weiteren Fällen wurde den Patienten attestiert, gesund zu sein. Ähnlich deutlich sind die Ergebnisse einer Stichprobe des Sozialamtes Köln: Von 103 Sozialhilfeempfängern, die angeblich aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten konnten, waren nur 25 wirklich krank. Beim Rest führte der Hausbesuch zur Spontanheilung.

Auch Mark Fischer, der Berliner Klinikangestellte, muss wieder arbeiten gehen. Er ist einer der 187 Langzeitkranken, denen die BKK auf den Pelz rückte. 88 von ihnen waren in den ersten fünf Tagen wieder arbeitsfähig, 72 schickte der Medizinische Dienst auf Maloche, nur 27 waren tatsächlich noch länger krank. Bei Fischer hatte sich selbst der Hausarzt geweigert, die Krankschreibung zu verlängern. Er wisse beim besten Willen nicht mehr, was er diagnostizieren solle. Fischers Kommentar: "Dann suche ich mir eben einen neuen Doktor."

Detlef Schmalenberg / print