Keiner muss immer Lust haben. Wie oft oder wie selten normal ist, weiß ohnehin niemand so genau. Seit Martin Luthers berühmter Faustregel "In der Woche zwier, schadet weder ihm noch ihr" hat sich bei den Kriterien des erotischen Wettbewerbs nicht viel getan. Zahlen und Fakten helfen nicht wirklich weiter, sie geben nur Auskunft über die Spannbreite dessen, was menschlich ist: von niemals bis mehrmals täglich. Hinzu kommt: Die Menge macht's nicht, öfter heißt nicht besser und schon gar nicht zufriedener. Nicht jeder, der Liebe macht, hat auch gerade Lust. Manchmal kommt der Appetit beim Essen, manchmal wurschteln die Liebenden sich halt so durch; der Statistik ist's egal. Experten weisen zudem darauf hin, dass statistische Normalität im Einzelfall nur selten weiterbringt.
Mangelnde Lust ist nur dann eine Störung, wenn die Betroffenen darunter leiden. Und es besteht ein Unterschied zwischen Leiden und der Angabe bei Befragungen, man habe manchmal oder auch häufiger als früher kein Interesse am Sex. So gaben bei einer großangelegten Telefonbefragung des US-Soziologen Edward Laumann mehr als 33 Prozent der Frauen und knapp 16 Prozent der Männer an, sie hätten in den vergangenen zwölf Monaten wenig Lust gehabt. Das sind plakative Zahlen, die auch in den Medien immer wieder zitiert werden.
Eine neuere Hamburger Studie relativiert die Sachlage. Sie berücksichtigt den Unterschied zwischen Jammern und Leiden. Zwar klagten auch hier 51 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer darüber, dass sie zu selten Lust auf Sex hatten. Doch die Forscher erkundigten sich auch danach, ob die Befragten, allesamt in festen Beziehungen lebend, Probleme mit ihrer Lustlosigkeit hätten. Nur zehn Prozent gaben an, stark oder sehr stark darunter zu leiden. Interessanterweise verschwand dabei das auch in der amerikanischen Studie so beeindruckende Gefälle zwischen den Geschlechtern. Woraus man womöglich schließen kann, dass Männer seltener über Lustlosigkeit klagen, die Flaute im Bett ihnen aber ebenso viel oder ebenso wenig zu schaffen macht wie Frauen.
Generell gilt: Wer selten oder nie Lust auf Sex hat und dabei ein erfülltes, zufriedenes Leben führt, hat kein Problem und schon gar keine Störung. Enthaltsamkeit führt auch nicht zu körperlichen Mangelzuständen, ergaben neuere Untersuchungen bei Frauen. Ein natürliches Auf und Ab des Verlangens im Laufe einer langjährigen Zweisamkeit ist ebenfalls völlig normal, meist allerdings geht es wohl abwärts. Die Vertrautheit wächst mit der Zeit, die Leidenschaft leider eher nicht. Studien zeigen jedenfalls, dass zumindest bis in die mittleren Jahre der Lustverlust von der Dauer einer Beziehung bestimmt wird. Nicht aber so sehr vom Lebensalter.
Wenn alle Beteiligten sich darauf einigen, keinen Sex haben zu wollen, ist Lustlosigkeit in der Beziehung kein Thema. Das gilt auch für Menschen, die freiwillig und glücklich enthaltsam leben, weil sie niemals erotisches Verlangen spüren. Sie sind dabei nicht unbedingt einsam, sie haben schlicht kein Bedürfnis nach sexueller Zweisamkeit. Sie fühlen sich wohl damit und haben an anderen Dingen ihren Spaß - durchaus auch zu zweit. Sex ist schließlich keine Voraussetzung für Liebe, Zuneigung und Nähe. Wer keine Schokolade mag, dem fehlt sie auch nicht!
Die sogenannte Asexualität wird von Experten inzwischen als sexuelle Orientierung anerkannt, sie gilt nicht als Funktionsstörung. Ein neues Phänomen ist sie nicht: Ein prominenter Asexueller war etwa der dänische Dichter Hans Christian Andersen, der sich Ende des 19. Jahrhunderts öffentlich zu seiner Trieblosigkeit bekannte: "Es ist ein Widerwillen gegen diese Dinge in mir, gegen die sich meine Seele so sträubt." Wie viele Menschen asexuell leben, weiß keiner so genau. Es gibt keine guten statistischen Erhebungen dazu und auch keine offiziellen Schubladen. Laut Definition des Asexuellen-Netzwerks Aven ist jeder asexuell, der sich selbst so empfindet.