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2. März 2007, 16:49 Uhr

"Ficken als Gebet"

Sie sieht im Kerzenschein so adrett aus wie eine Angestellte vom Lufthansa-Bodenpersonal. Dabei redet sie über "Nippelklammern" und einen "Wichswettbewerb". Autorin Ariadne von Schirach präsentiert ihr Buch "Der Tanz um die Lust" in Berlin. Von Andrea Ritter

In ihrem Buch "Der Tanz um die Lust" schreibt Autorin Ariadne von Schirach über erotische Strategien und moderne Formen der Jagd nach Sex© Jens Kalaene/DPA

Auguststraße, Berlin Mitte. Von den meterhohen Stuckdecken flusen Spinnenweben, Farbe blättert von der Wand - "Clärchens Ballhaus" entspricht genau dem Charme morbider Hochherrschaftlichkeit, die so angesagt ist, in Berlin Mitte. Abgerocktes Barock. Ariadne von Schirach steht in der Ecke, kuschelt die langen blonden Haare in den roten Plüsch und hält für die Fotografen ihr Buch hoch. "Der Tanz um die Lust" heißt es, doch weil "Lust" als einziges Wort in großer Schrifttype auf dem Umschlag prangt, sieht man natürlich nur das: Roter Plüsch, rote Lippen, langes Blondhaar und darunter "Lust". Eine gute Kombination.

"Sex sells", darum geht es, unter anderem, auch in Schirachs Buch. Und um das, was sie die "Pornographisierung der Gesellschaft" nennt. Und weil Ariadne nicht nur eine sehr attraktive junge Frau ist, sondern auch noch die Enkelin des Reichsjugendführers Baldur von Schirach, ist das eine sehr gute Kombination. Das Medieninteresse sei enorm, sagt die Pressesprecherin des Goldmann Verlags.

Hardcore-Porno über Videobeamer

Der Saal füllt sich allmählich mit den Menschen, über die Frau von Schirach schreibt. Hochgewachsene Schönheiten in Understatement-Designer-Kleidern, Kreativ-Arbeiter mit schwarzen Horn-Brillen, Kunststudenten und klar, Kulturjournalisten, ist ja schließlich eine Buchpräsentation. Getränke sind gratis. Das Buch sei zwar in Ich-Form geschrieben, sagt Verleger Georg Reuchlein in seiner Begrüßungsrede, aber man solle doch bitte daran denken, dass Autorin und Erzählerin nicht gleichzusetzen seien. Schmunzeln.

Wichswettbewerbe und japanische Porno-Mangas

Dann geht es los. Ariadne von Schirach liest mit um Tiefe bemühter Stimme aus ihrem Kapitel "Technische Visionen". Da geht es um einen Menschen namens Flexter, der seinen One-Night-Stand-Dreier mit dem Fotohandy filmt. Um Frauenzeitschriften, die dazu raten, doch mal einen Hardcore-Porno über den Videobeamer an die Wand zu werfen. Um Viagra und Dildo-Maschinen aus dem Beate-Uhse-Katalog. Um Wichswettbewerbe und japanische Porno-Mangas. Bei Wörtern wie "Hammerständer" oder "Busen-Bombardement" lacht das Publikum. Und Frau von Schirach hat sich wirklich gut vorbereitet. Einige Passagen kann sie sogar auswendig.

Joy-Sticks für Internet-Wichser

Das ändert aber wenig daran, dass man sich fragt: Was soll das eigentlich? Soll man sich jetzt darüber empören, dass es Internet-Wichser gibt? Dass Männer Pornobilder auf ihren Festplatten speichern? Oder dass es Sex-Video-Spiele gibt, die "'Joy' in den 'Joy-Stick'" bringen, wie Ariadne von Schirach schreibt? Oder soll man sich darüber wundern, dass man solche Sachen nicht verwunderlich findet?

Die Ent-Körperlichung, die sie "unserem Alltag" attestiert, findet man schon im Dandytum des 18. Jahrhunderts und ihre Betrachtungen über Porno und Perversion führen sie direkt zum Marquis de Sade, bekanntlich auch kein Zeitgenosse. Das Ganze liest sich wie das Tagebuch einer Geisteswissenschaftstudentin, die beim Abarbeiten ihrer Seminar-Lektüre jede Menge Aha-Erlebnisse hatte. Und die neuen (Selbst-)Erkenntnisse werden nun mit Freunden diskutiert. "Bei mir gibt es eine Kopplung zwischen dem Sexuellen und dem Heiligen.

Buch ist assoziativer Durchlauferhitzer

"Ficken als Gebet," heißt es an einer Stelle. Das ist zwar nicht besonders originell, liest sich aber ganz gut. So wie der Rest des Buches. Charmant und voller Begeisterung geschrieben, unausgegoren und widersprüchlich - der assoziative Durchlauferhitzer einer Berliner Szene-Schönheit, die genug Geld hat, um sich eine große Altbauwohnung für all ihre schönen Bücher zu leisten. Und am Wochenende gibt's Edelwodka am Szenetresen.

Das Lese-Publikum kriegt eine andere Überraschung: Gegen Ende des Abends krabbelt eine Body-Performance-Stripperin aus ihrem beklebten Pappkarton, schält sich aus ihren Ganzkörperstrumpfhosen und lässt Luftballons platzen. Viel Show, viel Luft. Noch so eine Kombination.

Von Andrea Ritter
 
 
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