"Wir werden von Informationen ausgeschlossen"

1. Mai 2012, 19:35 Uhr

Nur für wenige Fernsehsendungen in Deutschland gibt es Untertitel. stern.de spricht mit der gehörlosen Bloggerin Julia Probst über Rundfunkgebühren, Barrierefreiheit im Netz und das Engagement der Politik.

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© Julia Probst Julia Probst Julia Probst, Jahrgang 1981, ist seit ihrer Geburt gehörlos. Sie schreibt im Blog "Mein Augenschmaus" und ist auf Twitter unter @EinAugenschmaus zu finden. Sie engagiert sich für Barrierefreiheit in der Gesellschaft und im deutschen Fernsehen - und wurde dafür auch mehrfach ausgezeichnet. Im Netz wurde sie während der Fußball-WM 2010 mit ihrem Lippen-Ableseservice bekannt.

Ihr Blog heißt „Mein Augenschmaus“. Was wollen Sie damit ausdrücken?

Wenn man gehörlos ist, sieht man die Welt aus einer anderen Perspektive. Ich habe immer wieder Menschen beobachtet, von ihren Lippen abgelesen und so viele Sachen mitbekommen. Und ich wollte ausdrücken, dass es für mich ein Augenschmaus ist, wie ich die Welt beobachten kann. Gleichzeitig wollte ich auch den Blog-Lesern einen schriftlichen Augenschmaus anbieten, damit das Thema "Gehörlose und Behinderte" nicht zu langweilig daherkommt.

Hat das Internet hier nicht für einen großen Fortschritt gesorgt?

Ja, aber hundertprozentig barrierefrei ist es nicht. Es fehlen auch hier Untertitel und Gebärdensprachdolmetscher für Gehörlose und für Schwerhörige. Zeitungen und Internetseiten etwa sind für Gehörlose gar nicht so einfach zu lesen, weil normales Deutsch für sie wie Beamtendeutsch klingt.

Sie setzen sich für mehr Untertitel im Fernsehen ein. Wie viele Sendungen bieten denn die öffentlich-rechtlichen Sender mit Untertiteln an?

Wir haben in Deutschland bei allen öffentlich-rechtlichen Sendungen inzwischen rund 14 Prozent Untertitel, 2011 waren es nur 12,6 Prozent.

Wie gut sind diese Untertitel?

Also, meiner Meinung nach ist die Qualität der Untertitel im deutschen Fernsehen nicht besonders gut. Es stört mich, wenn ich sehen kann, dass jemand sagt: „Warum?“ und im Untertitel steht: „Wieso?“. Oder wenn ich sehen kann, dass jemand viel mehr sagt als im Untertitel steht. So etwas nervt mich, ich will auch berücksichtigt werden, vollen Zugang haben und alles mitbekommen.

Sie setzen sich für die Aktion „100 % Untertitel“ ein. Heißt das, dass 100 Prozent aller Sendungen oder in jeder Sendung jedes Wort übersetzt werden soll?

Also, für mich gibt es zwei verschiedene Arten von Untertiteln. Eine Art "Block"-Untertitel, bei dem in ganzen Blöcken untertitelt wird. Das kann man zum Beispiel bei Spielfilmen machen. Und dann kann man versuchen etwas eins-zu-eins zu untertiteln, etwa bei Live-Sendungen wie "Günther Jauch", also Politiksendungen. Die kann man im Scrollverfahren, also kontinuierlich untertiteln. Das sieht aus wie bei einer Schreibmaschine, die immer weiter schreibt.

Welche Folgen hat es für Gehörlose, wenn so wenig Untertitel angeboten werden?

Ihre Bildung ist schlechter und sie haben keinen Zugang zur Politik. Sie haben auch keinen Zugang zu Informationen. Bei mir zuhause kommt beispielsweise alle paar Wochen sonntags ein Sirenenton, den höre ich sowieso nicht. Da gibt es dann den Hinweis, dass man gehörlosen Mitbürgern sagen soll, dass sie die Fenster schließen und den Fernseher einschalten sollen. Aber wenn im Fernsehen keine Untertitel kommen, kann ich ja trotzdem nicht wissen, was passiert ist. Und dann? Hat jeder gehörlose Mensch Kontakt zu Hörenden und eine hörende Familie? Das bedeutet, dass wir von Informationen ausgeschlossen werden und dadurch gefährlich leben.

Werden Gehörlose systematisch ausgeschlossen?

Ja. Wenn nur rund 14 Prozent der Sendungen Untertitel haben, können gleichzeitig 86 Prozent nicht barrierefrei genutzt werden. Und für Kinder unter sechs Jahren gibt es so gut wie gar keine Angebote im deutschen Fernsehen. Die „Sendung mit der Maus“ hat zwar Untertitel, aber Gebärdensprachdolmetscher gibt es auch nur online in der Mediathek. Ab 2013 müssen Gehörlose Rundfunkgebühren bezahlen. Und das finde ich ohne entsprechende Leistung nicht in Ordnung.

Was muss denn geschehen, damit die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten dieses Geld wert sind?

Das Rundfunk-Gesetz muss korrigiert werden. Das Problem ist, dass die Sender zwar aufgefordert sind, die Sendungen mit Untertiteln zu versehen, aber nur mit einem "sie sollen". "Müssen" wäre sinnvoller, eine richtige Verpflichtung. In England bei der BBC ist es so, da gibt es 100 Prozent Untertitel und Gebärdensprachdolmetscher dazu. Die haben sich dazu verpflichtet - und die Gehörlosen in England bezahlen auch selbstverständlich Rundfunkgebühren.

Was wäre Ihre Botschaft an die Chefs der Rundfunkanstalten?

Sie müssen ihrem Auftrag nachkommen: sie müssen informieren. Und das bedeutet, sie müssen auch gehörlose und schwerhörige Menschen einschließen. Es müssen endlich 100 Prozent Untertitel und Gebärdensprachdolmetschereinblendungen angeboten werden, damit wir in Zukunft nicht mehr ausgeschlossen sind. Und dann bin ich selbstverständlich bereit, Gebühren zu bezahlen!

 
 
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