Alle Welt redet über den Spießer, nur selber ein Spießer sein, das möchte niemand. stern.de sprach mit dem Soziologen Prof. Dr. Gerhard Schulze über den Abschied von Klischees und die neue Unspießigkeit der Deutschen.

"Spießer ist ein Schubladenwort. Meint ein Bündel von Eigenschaften, die in der Masse gar nicht mehr auffindbar sind"© colourbox
Das Wort ist nicht mehr klar identifizierbar. Im Grunde bedeutet es nur noch so etwas wie "Arschloch". Früher war die Kategorie scharf umrissen. Spießer waren unkreativ, duckten sich weg, trauten sich nicht in die Welt hinaus, scheuten jedes Risiko.
Ende der 60er, Anfang der 70er gab es für die jungen Leute eine scharfe Trennlinie, wozu sie nicht gehören wollte: zu den Alten. Spießer war damals ein hochpolitischer Begriff.
Heute ist das ein Schubladenwort. Meint ein Bündel von Eigenschaften, die in der Masse gar nicht mehr auffindbar sind. In der Alltagskommunikation existiert das Spießige nur noch in der Wohnungseinrichtung.
Als Eichenschrankwand zum Beispiel. Die gibt es noch. Sie stirbt aber mit der Generation aus, die sie für die Ewigkeit angeschafft hat. Der Sperrmüll wird sie holen.
Entleerter. Früher war die Wohnung voll gestopft, sogar im Luftraum. Ein Ort, an dem man sammelte und aufbewahrte. Heute sind wir flexibler. Wir kaufen eine Wohnung nicht mehr für die Ewigkeit, mehr als Geldanlage.
Wir sind nun mal nicht alle in der Lage, einen eigenen Stil zu kreieren. Ja, wir gucken schon mal rum: was machen die anderen? Der Unterschied ist, dass wir nicht mehr demonstrativ für die Außenwelt konform sind. Wir suchen den Stil für uns selber.
Man kriegt keine Schwierigkeiten mehr, wie früher. Heute könnte man sich sogar eine Eichenschrankwand hinstellen, das würde akzeptiert. Es herrscht Stiltoleranz. Das ist eine große kollektive Leistung.
Es gibt da auch viel Laissez-faire, hinter dem sich ein manisches Nichtspießig-Seinwollen der Eltern verbirgt. Nie hat es eine derart spießige Generation gegeben wie die 68er, wenn Spießertum Konformität bedeutet. Zerschlissene Jeans, Parkas, Turnschuhe, Haarlänge - alles vorgegeben. Bis hin zu den Parteien, die man auf gar keinen Fall wählen durfte. Es gab regelrechte Vermeidungsimperative. Kein Bausparvertrag, niemals! Die Abgrenzung von der alten Ordnung führte zu einer noch größeren Rigidität.
Wegen der Sekundärtugenden Ordnung, Fleiß, Pünktlichkeit, die oft nur in uns hinein projiziert werden, schätzt das Ausland uns und unsere Waren. Das ist nicht zu verachten! Überhaupt sind wir eine der beliebtesten Nationen auf der Welt, wie vergleichende Untersuchungen zeigen.
In Deutschland gibt es eine Kultur der Pünktlichkeit, die nur von Randständigen nicht gelebt wird. Der Regisseur, der die tausendste Enttabuisierungs-Inszenierung probt, bei der dem Spießer die Maske vom Gesicht gerissen wird, verabredet sich mit seinen Schauspielern und 16 Uhr 30. Und wehe, die sind nicht auf die Minute pünktlich!
Der Franzose ist als Spontanitätskünstler inzwischen vom Italiener abgelöst worden. Schönes Essen, spritzige Unterhaltung, gutes Aussehen, das verbinden Deutsche mit Italienern. Insgesamt wissen die Leute aber, dass Stereotypen - für Spießer wie für Antispießer - nicht mehr greifen. In der Werbung tauchen die Franzosen, Italiener oder Cowbows deutlich seltener auf.
Einer, der sich "jeden Tag neu erfindet". Dieses Gegenbild zum Schreckensbegriff Spießer hat in den letzten Jahren raketenhaft Karriere gemacht.
Den Heinrich Mann´schen Untertan kann man heute betrachten wie ein Museumsstück. Der tut keinem mehr weh.
Der Mensch ohne Stil, vielleicht. Dem nichts einfällt, der keine sozialen Kontakte gestalten kann, der sich nicht mit einem Witz aus einer peinlichen Situation retten kann.
Gerade wir Deutsche haben begriffen: dort die bösen Spießer und hier wir, die Guten, das ist eine ziemlich primitive Entlastungsstrategie. Da ist viel an soziologischer Aufklärung gelaufen. Hoffe ich jedenfalls.
Zur Person Prof. Dr. Gerhard SchulzeGerhard Schulze ist Professor für empirische Sozialforschung an der Universität Bamberg. Er schrieb zuletzt das Buch "Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde", das im Hanser Verlag erschienen ist.