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8. Januar 2007, 14:22 Uhr

Hinter den Kulissen von Paris

Totenköpfe, Knochen und Moder üben auf Pariser Touristen eine magische Anziegungskraft aus. Mehr als 200.000 Besucher jährlich lassen sich auf eine schaurig-schöne Untergrundtour in die Katakomben entführen. Die stürzen auch gerne mal ein. Von Peter Linden

Aufgeschichtete Gebeine und Schädel in den Katakomben von Denfert-Rochereau© DDP

Der Herr der Totenköpfe flüstert. Kein lautes Wort entspringt Jean-Pierre Willesmes Mund, auch beschleunigt er seine Sätze nicht oder drosselt das Tempo. Als würden ihn die 200.000 Totenköpfe lähmen und die Millionen von Knochen, die er zu verwalten hat: Immer spricht Jean-Pierre Willesme in derselben Monotonie. Dass seine Verwaltung neue Stromleitungen in den Katakomben unter dem Bahnhof von Denfert-Rochereau verlegt hat. Dass in diesen Gängen die letzten Fliehenden der Pariser Kommune nieder geschossen wurden. Dass manchmal die Decke bröckelt und gestützt werden muss. Dass die Touristen fast jeden Tag Totenköpfe stehlen, und man sie deshalb jetzt mit Zement festklebt. Dass die Pariser früher unterhalb ihrer Straßen Kalkstein abgebaut haben für die Häuser und Paläste darüber. Was Jean-Pierre Willesme auch erzählt: er flüstert.

Es muss ein hartes Los sein, jährlich 200.000 Touristen ebenso viele Totenköpfe zu zeigen, über 20 Jahre hinweg, so lange ist Jean-Pierre Willesme schon "Conservateur des Catacombes". Mehrmals täglich die 120 Stufen einer Wendeltreppe in die Tiefe zu steigen, 1,7 Kilometer Gänge zu durchschreiten, meist im Gänsemarsch, die Hälfte der Strecke vorbei an Knochen und Totenköpfen. Vorbei an soliden Mauern aus den Gelenk-Enden von jeweils acht Schichten Knochen plus einer Schicht Totenköpfe, in waagerechten Linien, bis unter die Decke. Vorbei an Mauern aus jeweils acht Schichten Knochen plus einer Schicht Totenköpfe in Wellenlinien, bis hinauf unter die Decke. Vorbei an Wänden aus Knochenenden, die von mannshohen Kruzifixen gebrochen werden, Kruzifixen aus Totenköpfen. Oder vorbei an Wänden aus Knochenenden, aus denen Totenköpfe in Form gotischer Portale herausragen. Manchmal umkreisen die Knochen auch die Stützpfeiler kleiner Krypten mit Altären aus Kalkstein. Die Stützpfeiler sind dann an beliebigen Stellen mit Totenköpfen durchsetzt.

Ein Labyrinth aus Katakomben: der Pariser Untergrund (Klicken zum Vergrößern)© AP

Die Verbannung des Sterbens

Die Geschichte der Katakomben von Paris ist auch die Geschichte der Verbannung des Sterbens aus dem Alltag. 1785, kurz vor der Revolution, fiel der Beschluss, dass man die namenlosen Toten nicht mehr sehen und nicht mehr riechen wollte. Der erste Massen-Friedhof, der aufgelöst wurde, war der Friedhof der "Innocents" im Bereich der heutigen Hallen. Kurze Zeit später wurde nach einem Einsturz der Rue d'Enfer der Abbau von Kalkstein im Stadtgebiet verboten. In der Folge begann man, die Gebeine von nahezu sämtlichen Friedhöfen in die frisch gesegneten, ehemaligen Bergwerksschächte zu transportieren. Sechs Millionen Menschen, das Dreifache der Gesamtbevölkerung von Paris, liegen unter der Stadt begraben, die meisten in Jean-Pierre Willesmes Katakomben.

Es ist ein seltsamer Spaziergang, den die 200.000 Touristen aus aller Welt hier unternehmen. Die Katakomben sind ein Ort der Andacht und des Massentourismus zugleich, ein sakraler Ort größter Banalität, ein Ort für große Gefühle, aber ohne Geräusche, ohne Gerüche, ohne jede Sinnlichkeit. Die Überreste von sechs Millionen Menschen: Wände, Ornamente, barocke Spielerei. Dazwischen Tafeln mit Sinnsprüchen zum Sterben, die kaum jemand lesen will im großen Gedränge: "Glücklich derjenige, der die Stunde seines Todes noch vor sich hat und sich doch ständig auf das Sterben vorbereitet." Oder: "Oh Tod, wie sehr ist Dein Urteil doch erfüllt von Gerechtigkeit."

Seltsame Orgien im Bauch der Stadt

Bald nach der Verlegung ihrer Toten in den Untergrund, fingen die Pariser an, sich für diesen Untergrund zu interessieren. 1830 wird zum ersten Mal von illegalen Eindringlingen berichtet, von Beschädigungen und obskuren Veranstaltungen, woraufhin die Katakomben bis 1874 komplett verschlossen bleiben. Im November 1955 publiziert der Polizeipräsident einen Erlass, wonach niemand ohne Erlaubnis durch irgendeinen der 373 Eingänge in die Pariser Katakomben und Kanäle eindringen dürfe, bei einer Strafandrohung von 600 Francs. Ab 1970 berichtet die Presse immer häufiger von seltsamen Orgien im Bauch der Stadt, in den Achtziger Jahren bildet die Polizei eine Sondereinheit zur Jagd auf so genannte Kataphilisten, Freunde der Unterwelt. 250 Personen werden als "Unverbesserliche" in den Polizeicomputern geführt und entsprechend überwacht.

Keine Chance, in Jean-Pierre Willesmes Reich einzudringen, alle Eingänge sind vergittert oder zugemauert. Doch anstatt Schaden von den Toten abzuwenden, drohte den Massengräbern plötzlich das Ende. Mit jedem verstopften Eingang ging die Luftzirkulation zurück und es stieg die Luftfeuchtigkeit. Die Knochen und Schädel, die 200 Jahre lang unversehrt unter der Avenue du Général Leclerc und der Avenue René Coty lagerten, begannen zu verrotten. Bis 1995 eine teure Klimaanlage installiert wurde, die das Reich der Toten und der Touristen nun sogar erstaunlich warm hält.

Informationen Die Besichtigung der Katakomben ist täglich von 9.30 Uhr bis 17.00 Uhr möglich (letzter Einlass um 16.00 Uhr). Wer eine geführte Tour möchte, sollte sich vier Wochen vorher anmelden.

CATACOMBES DE PARIS 1, avenue du colonel Rol-Tanguy
Paris, 75014 France
Telefon: +33 1 4322 4763

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