Wie man eine Stadt mit der Kamera kennen lernen kann, zeigt diese Reportage - entstanden bei einem Fotokurs rund um den Markusplatz.

Schon bei den ersten Aufnahmen am Canal Grande und anderen Kanälen experimentieren die Fotoschüler mit Licht und Wasser© Harald Schmitt
Die erste Illusion ist schon nach drei Minuten futsch. "Ein überbelichtetes Bild kann auch der Computer nicht mehr retten", doziert der Maestro und schaut durch seinen Sucher. Wie jetzt? Fotoshop & Co. können doch sonst immer alles? Aus Kühen Katzen zaubern und aus Regen Schnee zum Beispiel. "Aber wenn das Licht nicht stimmt, hast du keine Chance." Okay, das leuchtet ein. Aber Maestro, wie macht man gute Bilder ohne Sonne? "Postkartenoptik bei Sonnenschein kann jeder, bei Regen aber muss man auf den Rhythmus achten", sagt Rainer Martini. Welchen Rhythmus? Das Auftreffen der Tropfen auf den Boden und das spritzende Wasser. Der Maestro führt die zwölf Hobbyfotografen durch die verwinkelten Gassen zur Accademia-Brücke, und dann stehen sie da im Regen, klick, und versuchen, den Rhythmus einzufangen.
"Fotografieren in Venedig" heißt der Kurs, bei dem Rainer Martini eine Einführung in die Städte- und Reisefotografie gibt. "Venedig ist etwas ganz anderes als Paris", sagt der Fotograf gleich zu Anfang. In Paris müsse man die Weite der großen Boulevards einfangen, in Venedig mit dem Wasser spielen. Die Gruppe nickt ehrfürchtig.

Der kleine Engel auf der Gondel inspiriert Marinette Hilber zu diesem Detailfoto© Marinette Hilber
"Bei so einem Licht hätt ich normalerweise die Kamera gar nicht ausgepackt", staunt einer der Knipser, eine Frau guckt verwirrt auf das Display ihres Fotoapparates. "Muss ich in der blauen Stunde eher eine große oder eine kleine Blende wählen?", fragt sie. "Das kommt ganz auf die Verschlusszeit an", sagt Martini, nimmt die Kamera in die Hand und dreht fachmännisch an einem der Rädchen. Die Frau schaut durch den Sucher, klick, und lächelt verzückt das Ergebnis im Display an. Martini hat inzwischen zwei andere Teilnehmer auf den Vaporetto-Anleger unter der Brücke gelotst. "Dort kriegt ihr die besten Reflexe vom Wasser."
Rainer Martini, 57, trägt Jeans und Sportschuhe, in seinen Augen funkelt Abenteuerlust. Früher hat er hauptsächlich Sportler mit seiner Kamera abgelichtet, mittlerweile ist er auf Städte spezialisiert. Seit fünf Jahren unterrichtet er auch: Freizeitfotografen. Eigentlich sollten die zwölf in dem Kurs lernen, die Sonne in den schmalen Gassen einzufangen - aber das Wetter spielt nicht mit. "Wir sollten von Panoramabildern Abstand nehmen und uns auf Details konzentrieren", sagt Martini.

Lange Verschlusszeiten helfen bei schwachem Licht, auch wenn hier das Ergebnis nicht ideal ist
Die meisten Teilnehmer sind nicht zum ersten Mal bei einem Fotoseminar dabei. Martini kennt die Spezialisten: Barbara nutzt gern lange Brennweiten, in Marinettes Fototasche hätte ein junges Känguru Platz für einen Mittagsschlaf, und Alexander fotografiert am liebsten, ohne durch den Sucher zu schauen. "So dokumentier ich das Leben", sagt er. 98 Prozent seiner Aufnahmen will Alex nach dem Kurs wieder wegschmeißen. "Brauch ich nicht", sagt er, "aber Fotografieren schärft meinen Blick." Andreas ist zum ersten Mal dabei, redet dafür aber gern und ausführlich über Kameras und Stative. Mit "Schrott aus alten Flippern" könne er nicht arbeiten, weshalb er am nächsten Morgen beim Abmarsch zum Rialto-Markt gleich mit zwei High-Tech-Kameras um den Hals aufläuft. Überhaupt: Wer hier mitmacht, liebt sein Hobby. Die meisten sind mit hochmodernen Digital-Apparaten ausgestattet, kaum eine Ausrüstung hat weniger als 3000 Euro gekostet.
"Bitte bis zum Rialto-Markt nicht fotografieren", warnt Martini. Damit der kurze Fußmarsch sich nicht in die Länge zieht, lässt er Pärchen bilden. Einer soll auf den anderen aufpassen, falls der sich wieder in ein Motiv verliebt und dafür die Gruppe vergisst. Bis zur Rialto-Brücke geht dann tatsächlich niemand verloren, die Fotoexperten vertiefen sich in Gespräche über Motive und Marken. Paläste oder Pontons? Nikon oder Canon? Es ist eine Frage der Ideologie. Und wer kann sich heutzutage noch eine Leica leisten?
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Stern
Ausgabe 14/2006