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Schlag 12, der Mittagskommentar aus Berlin: Das Mindestlohn-Desaster, das nicht stattfindet

Der Mindestlohn hat der Wirtschaft kaum geschadet, obwohl viele Experten das Gegenteil behauptet haben. Es wäre Zeit für eine Entschuldigung.

Von Andreas Hoffmann

Nach 100 Tagen Mindestlohn bewahrheiten sich die Befürchtungen nicht. Die Wirtschaft brummt weiter.

Nach 100 Tagen Mindestlohn bewahrheiten sich die Befürchtungen nicht. Die Wirtschaft brummt weiter.

Haben Sie schon eine Entschuldigung gehört? So eine richtige Entschuldigung, am besten mit den Worten: "Ich habe mich geirrt."

Ich würde sie gerne hören. Und wissen Sie von wem?

Von unseren allwissenden Ökonomen, dem Sachverständigenrat, dem überall anzutreffenden Hans-Werner Sinn oder den Volkswirten der Deutschen Bank. Was haben sie nicht alle gewettert gegen den Mindestlohn. "Wir schaffen uns wieder ein Proletariat, das Sozialhilfe-Karrieren von Generation zu Generation vererbt", prophezeite Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Institutes. Hunderttausende Jobs wären bald futsch, die Schwächsten auf dem Arbeitsmarkt hätten keine Chancen mehr, und die Wirtschaft verlöre an Schwung.

100 Tage Mindestlohn

Und nun? Am Tag 100 des Mindestlohns? Die Wirtschaft brummt weiter, in diesem Jahr soll das Wachstum um 1,5 Prozent zulegen, arbeitslos waren im März 2,93 Millionen Menschen, der niedrigste März-Wert seit 1991, und Deutschland scheffelt Geld. Erstmals seit acht Jahren erzielte der Staat wieder einen Überschuss, 6,7 Milliarden Euro blieben in der Kasse übrig. Finanzminister Wolfgang Schäuble wird zum Dagobert Duck der deutschen Politik, er sitzt auf Milliardenbergen, die wachsen und wachsen.

Klar. Der flächendeckende Mindestlohn ist erst 100 Tage alt und wer weiß, was die Zukunft bringt. Natürlich hat der Mindestlohn Folgen. Viele Mini-Jobs fallen weg, weil sie sich für Unternehmen und Arbeitnehmer weniger lohnen. In einigen Regionen und Branchen steigen die Preise, in anderen, wie dem Taxigewerbe, werden Arbeitnehmer gekündigt. Ob die Bauern wirklich leiden, weil sie Erntehelfer besser bezahlen müssen, ist unklar. Die Saison der Ernten steht noch bevor; vielleicht werden Spargel und Salat teurer, vielleicht nicht.

Unterm Strich leidet die Wirtschaft kaum

Manches ist bürokratischer geworden, weil die Firmen Arbeitszeiten genauer aufschreiben müssen, aber das liegt nicht am Mindestlohn. Die Dokumentationsregeln galten schon länger, nur die Firmen ignorierten sie; erst der Mindestlohn änderte die Praxis. Und, ja, es wird getrickst. Manche Unternehmer arbeiten mit doppelter Buchführung, drängen Beschäftigte in die Selbstständigkeit, versuchen sie anderweitig abzukassieren oder halten ihnen den höheren Lohn vor. Ein Sauna-Betreiber etwa wollte seinen Angestellten weiter 4,60 Euro die Stunde zahlen und die Differenz zum Mindestlohn von 8,50 Euro mit Sauna-Gutscheinen vergüten. Nun, ja.

Unterm Strich leidet die Wirtschaft kaum. Das "Spiel mit dem Feuer", das der Vorsitzende des Sachverständigenrats Christoph Schmidt befürchtete, flackert nicht mal ansatzweise auf. Überraschend ist das Ergebnis nicht. Wer sich länger mit dem Mindestlohn beschäftigt, weiß, dass er kaum Arbeitsplätze zerstört. Die meisten empirischen Studien - das sind jene Studien, die die Wirklichkeit untersuchen, und keine ökonomischen Gedankenspiele sind - belegen das, wie Erfahrungen aus den USA, Großbritannien und aus Deutschland zeigen. Seit Mitte der neunziger Jahre führten hierzulande 16 Branchen Mindestlöhne ein. Und fielen Jobs weg? Nö.

Wie wäre es mit einer Entschuldigung?

Dass die meisten Herren Ökonomen diese Erkenntnisse beharrlich ignorierten und trotzdem vor dem Mindestlohn warnten, sagt viel über ihr Selbstverständnis. Ihr Motto lautet: "Von der Realität lasse ich mir doch nicht meine Theorie kaputt machen." Mit Wissenschaft hat ein solcher Anspruch nichts mehr zu tun; Wissenschaft bedeutet, seine Thesen ständig an der Wirklichkeit zu prüfen und eventuell zu ändern. Alles andere ist Religion - und predigen können Päpste und Pfarrer besser als Ökonomen.

Also meine vielen Herren Volkswirte. Wie wäre es mit einer Entschuldigung? Sie müssten nur sagen: "Sorry, ich habe mich geirrt." Ein solches Eingeständnis würde der Zunft gut tun. Irrtümer einzugestehen macht glaubwürdig, und wir brauchen mehr glaubwürdige Ökonomen. Deshalb liebe Ökonomen, seid mutig, gesteht einen Fehler ein. Hans-Werner Sinn könnte ja vielleicht anfangen.

Andreas Hoffmann, studierter Volkswirt, mag sein Studienfach noch immer. Er vermisst aber, dass sich die Lehre erneuert, stattdessen vermittelten die Professoren weiter überholte Ideen. Dabei müssten sich die Ökonomen nur an das halten, was einer ihrer Säulenheiligen, Joseph Schumpeter, verlangt - eine schöpferische Zerstörung. Warum nicht bei der Volkswirtschaftslehre damit anfangen. Er twittert unter AndreasHoffman8.

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