Polymarket und Kalshi Umstrittene Wettplattformen: Wo man auf Krieg und Sport wetten kann

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Auf der Plattform konnte man mit dem Sturz von Nicolas Maduro viel Geld verdienen. Aktuell hoch im Kurs: Wetten auf den Krieg in der Ukraine oder den Super Bowl
Auf der Plattform konnte man mit dem Sturz von Nicolas Maduro viel Geld verdienen. Aktuell hoch im Kurs: Wetten auf den Krieg in der Ukraine oder den Super Bowl
© Wyatte Grantham-Philips/ associated press / Picture Alliance
In den digitalen Wettbüros von Polymarket und Kalshi kann man auf einen US-Angriff auf den Iran wetten oder den Super Bowl. Das Geschäft lockt Investoren an – auch die Trumps.

"Die Pentagon Pizza-Bestellungen schießen in die Höhe," steht in der Betreffzeile des E-Mail-Newsletters der Wettplattform Polymarket. Die Anspielung bezieht sich auf den sogenannten "Pentagon Pizza Index", wonach kurz vor internationalen Krisen die Fastfood-Bestellungen rund um das Pentagon, das Weiße Haus und das CIA-Hauptquartier zunehmen. In der Polymarket-Logik impliziert das: Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um auf einen US-Angriff auf den Iran zu wetten.

Die entsprechende Wette ist gleich im Newsletter verlinkt. Die Chancen für einen US-Angriff vor dem 31. Januar 2026 auf den Iran stehen Mitte Januar, laut Polymarket, bei 51 Prozent. Das heißt: Wer jetzt "Yes"-Stimme kauft, für 51 Dollar-Cent pro Stück, kann sich nach einem Angriff pro Stimme einen Dollar auszahlen lassen. Als "Angriff" gelten Drohnen, Raketen oder Flugzeuge, so steht es in der Beschreibung der Wette. Mit anderen Worten: Auf Polymarket kann man auf Krieg wetten.

Polymarket und Kalshi: Bewertungen bei mehr als 10 Mrd. Dollar

Online-Wettbüros wie Polymarket oder Kalshi haben in kürzester Zeit enorme Bewertungen erzielt: Beide werden aktuell mit über 10 Mrd. Dollar taxiert. Dabei versprechen die Wettplattformen, die Welt mit kritischen Informationen zu versorgen. Sie nennen sich "Prediction Markets" also "Vorhersage Märkte". Dahinter steckt die Idee, dass Menschen auf die wahrscheinlichsten Vorhersagen ihr Geld setzen – und die Wett-Wahrscheinlichkeiten damit die Schwarm-Intelligenz widerspiegeln. Im Fall Iran würde das bedeuten: Die Welt wüsste dank der Wetteinsätze auf Polymarket schneller und besser über US-Angriffe Bescheid, so zumindest die Theorie.

Die größte Wette auf den beiden Plattformen betrifft allerdings den Super Bowl 2026 im American Football. Das Handelsvolumen beläuft sich bei Polymarket auf mehr als 670 Mio. Dollar und bei Kalshi auf über 110 Mio. Dollar. (Die besten Chancen hat auf beiden Plattformen das Team aus Seattle.) Die Wetten, die es auf Polymarket Mitte Januar 2026 sonst gibt: "Erwirbt Trump Grönland vor 2027?" (18 Prozent Chance, 8 Mio. Dollar Volumen) oder "Zerbricht die CDU/CSU-SPD Koalition vor 2027?" (22 Prozent Chance, 13.000 Dollar Handelsvolumen.) 

Wetten auf den Sturz Maduros ... 

Schlagzeilen machten auch Wetten auf Trumps Angriff gegen Venezuela: So hatte ein Nutzer nur Stunden vor Beginn der US-Militäroperation 32.500 Dollar darauf gewettet, dass der venezolanische Präsident bis Ende Januar gestürzt werde. Nach Maduros Gefangennahme hätte er theoretisch mehr als 400.000 Dollar kassieren können. Das führte zu einer Diskussion darüber, ob in diesem Fall ein Insider eine Wette platziert habe, der in die Angriffspläne eingeweiht gewesen sei. Gestritten wurde zudem über die Frage, ob es sich bei der Militäroperation um eine "Invasion" gehandelt habe. Denn: Polymarket wertete den US-Angriff nicht als Invasion, weshalb die Nutzer, die auf eine Invasion Anfang des Jahres gewettet hatten, erst einmal leer ausgingen.

...oder den Frontverlauf in der Ukraine

Kritiker werfen den Wettplattformen vor, dass sie Geschäfte mit Menschenleben machen. Neben Angriffen auf den Iran und Venezuela kann man auf Polymarket auch auf den Frontverlauf in der Ukraine wetten. (54 Prozent glauben, dass Russland die ukrainische Ortschaft Kostjantyniwka bis zum 28. Februar 2026 ganz besetzt, bei einem Handelsvolumen von fast 4 Mio. Dollar). Erst vor wenigen Tagen haben ukrainische Behörden den Zugang zu Polymarket blockiert, da die Plattform dort als nicht lizenziertes Glücksspiel eingestuft wird. 

Auch den deutschen Behörden ist Polymarket schon aufgefallen. So veröffentlichte die zuständige Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) schon im September eine Warnung vor der Teilnahme an "illegalen Gesellschaftswetten." "Solche Wettangebote gegen Entgelt, wie sie etwa auf Polymarket angeboten werden, sind nach geltendem deutschem Recht nicht erlaubnisfähig und damit illegal," so die Behörde.  

Dabei beruft sie sich darauf, dass "Gesellschaftswetten" anfällig für Manipulation seien. Laut dem Glücksspielstaatsvertrags (GlüStV 2021), so die GGL, seien in Deutschland nur Sportwetten "erlaubnisfähig." "Jede andere Art von Wetten ist verboten und nicht erlaubnisfähig. Sowohl das Veranstalten oder Vermitteln solcher illegalen Wetten als auch die Teilnahme daran, sowie die Bewerbung des Angebotes, sind strafbar," so die Behörde in der Warnung.

Gehen Wetten an Behörden vorbei?

Nur: Wer in Deutschland einen Account bei Polymarket eröffnet, bekommt unter Umständen gar nicht mit, dass er damit Gefahr läuft eine Straftat zu begehen. Bis auf die Warnung auf ihrer Webseite scheint die GGL bisher nicht prominent dazu in Erscheinung getreten zu sein.

Es sieht so aus, als würden Wetten auf Polymarket weitestgehend an den deutschen Behörden vorbeigehen: Für eine Anmeldung dort reicht schon eine anonyme E-Mail-Adresse. Damit können Nutzer ein Konto mit Pseudonym eröffnen, auf das sie Dollar oder verschiedene Kryptowährungen einzahlen können, um damit zu wetten. Fragen der Capital-Redaktion hat die GGL noch nicht beantwortet – die reguläre Bearbeitungszeit betrüge fünf Werktage, so eine Mitarbeiterin. Auch die Oberfinanzdirektion Frankfurt antwortete nicht auf eine Anfrage von Capital.

Trump-Familie investiert in Wettbüros

In den USA ist keine Regulierung der Wettplattformen geplant – ganz in Gegenteil: Die "Trump Media and Technology Group" gab schon im Oktober vergangenen Jahres bekannt, dass sie in das Geschäft einsteigen will. Trumps Plattform "Truth Social" will in Zukunft auch eigene Wetten in Zusammenarbeit mit Crypto.com anbieten. Donald Trump Jr., der älteste Sohn des US-Präsidenten, ist dazu Berater von Polymarket und Kalshi. Auch die Investmentfirma 1789 Capital, bei der Trump Jr. Partner ist, hat in Polymarket investiert. Online-Wettbüros sind aktuell selbst eine der heißesten Wetten in den USA, so scheint es. 

Die Trumps sind nicht die einzigen, die auf den Boom der neuen Wettmärkte spekulieren – große US-Nachrichtensender wie CNN und CNBC sind in den vergangenen Wochen Partnerschaften mit Kalshi eingegangen. Vor kurzem wurde auch eine Partnerschaft von Polymarket und Dow Jones bekannt. Das Medienunternehmen der Murdoch-Familie, zu dem das "Wall Street Journal" gehört, will die Wett-Wahrscheinlichkeiten der Plattform in den eigenen Produkten veröffentlichen. In Deutschland hat Rocket Internet Geld in Kalshi investiert.

Online-Glücksspiel wird immer mehr zum Mainstream. Bei der Verleihung der Film-Preise Golden Globes waren die Wettmärkte prominent vertreten: Polymarket war in diesem Jahr offizieller Wettpartner der Veranstaltung. Die Wettchancen der jeweiligen Kandidaten, einen der begehrten Preise zu ergattern, wurden live bei der Übertragung eingeblendet. 

Wettmärkte könnten Krypto-Zocker anlocken 

Tech-Analyst Philipp Klöckner sieht in den Plattformen den Auftakt zu einer größeren Verschiebung, die vor allem den Kryptobereich hart treffen könnte. Krypto- und Wettmärkte hätten relativ vergleichbare Zielgruppen. Beide ziehen vor allem spekulative Anleger an, meint Klöckner. "Abgesehen von einigen Krypto-Fundamentalisten vielleicht", sagt der Berliner Investor in seinem Podcast "Doppelgänger Tech-Talk". Die seien aber nicht in der Mehrzahl – beziehungsweise der Anteil spekulativer Anleger ist bei Kryptowährungen so hoch, dass er die Kurse massiv bewegen könnte. 

Daraus ergebe sich eine Gefahr: Wettmärkte wie Kalshi und Polymarket könnten die neue aufregende Geschichte liefern – eine Entführung hier, ein Wahlergebnis da – während Krypto vergleichsweise langweilig wird. Darauf deuten schon die neuesten Entwicklungen bei Robinhood hin. Der bei jungen Anlegern beliebte Neobroker arbeitet offenbar an einem Wettangebot, das beispielsweise Sportevents abbilden soll. Andere könnten nachziehen und das Angebot für spekulative Anleger vergrößern.

Für Kryptowährungen ist das bedrohlich, denn sie sind auf immer neue Verkaufsgeschichten angewiesen. Zu Beginn sollten sie etablierte Zahlungssysteme wie das Swift-System ablösen, dann sollten sie einen Schutz gegen staatliche Kontrolle bieten und inzwischen wird der Bitcoin als "digitales Gold" gepriesen. Die Weiterentwicklung des Narrativs ist nötig, um neue Käufer anzulocken. Bis zuletzt zog aber vor allem eine Entwicklung neue, junge Anleger in den Markt: die Spekulation auf schnelle Renditen. Falls diese Spekulation aber in anderen Märkten interessanter ist, könnten Kryptowährungen wie Bitcoin darunter leiden – wenngleich eine Unterklasse aus dem Kryptokosmos haussieren könnte, nämlich: Stablecoins. 

Diese, anders als Bitcoin, Ethereum & Co., besonders wertstabilen digitalen Token werden aktuell noch für einen Großteil des Volumens auf Polymarket genutzt. Steigt also das Interesse an den neuen Wettmärkten, könnten auch Stablecoins davon profitieren.

Banken suchen "Prediction Markets Trader"

Das Wettfieber lässt auch klassische Wallstreet-Investoren nicht kalt. So berichtete die "Financial Times", dass auch Finanzunternehmen ihre Trader auf die Plattformen schicken, um dort auf Fußball oder politische Events zu wetten. Das Blatt berichtete über Stellenausschreibungen von Finanzunternehmen wie DRW, und Susquehanna die jetzt "Prediction Markets Trader"einstellen.

Ob Polymarket und Kalshi mehr als digitale Wettbüros sind, wird sich noch zeigen. Bei einer Polymarket-Wette, ob Irans Führer Ajatollah Ali Chamenei im Januar sein Amt aufgeben muss, setzte Nutzer "fizzybubbly" mehr als 10.000 Dollar auf: "Yes." "bikinis in teheran this summer," schrieb er dazu in die Kommentare. Für diesen Monat ist das Profil aktuell allerdings über 2000 Dollar im Minus.

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