Tatort: Innere Angelegenheiten
Die Nacht der Verhöre

  • von Eric Leimann
Das Nachtleben ist eigentlich nicht so ihr Ding, vermutet man. Dennoch müssen Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) im "Tatort: Innere Angelegenheiten" im Dunkeln durchermitteln. Ein völlig unklarer Mord in einer Freiburger Diskothek ist schuld.
Das Nachtleben ist eigentlich nicht so ihr Ding, vermutet man. Dennoch müssen Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) im "Tatort: Innere Angelegenheiten" im Dunkeln durchermitteln. Ein völlig unklarer Mord in einer Freiburger Diskothek ist schuld.
© SWR/Benoît Linder
"Tatort: Innere Angelegenheiten" mit Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) spielt während einer Nacht. In einer Freiburger Disko liegt ein Toter – doch was ist passiert? Involviert sind ein migrantischer Intensivtäter, eine Rockerbande – und die Bereitschaftspolizei.

Verhöre gehören zum Krimi wie die Butter aufs Brot. Manche Filmklassiker wie "Das Verhör" (1981) mit Lino Ventura, Michel Serrault und Romy Schneider spielen sogar fast ausschließlich und abendfüllend in einem Verhörraum. Auch im "Tatort: Innere Angelegenheiten" mit Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) steht die Wahrheitssuche über eine polizeiliche Vernehmung im Mittelpunkt. Aber was ist zuvor passiert?

Ein Toter liegt im Nebenraum einer Freiburger Diskothek. Dringend tatverdächtig ist Intensivtäter Ramin Taremi (Omid Memar), der jedoch alle Schuld von sich weist. Das Opfer war Mitglied der Rocker-Szene. Vor der Diskothek hat Franziska Tobler alle Mühe, die Kumpels des Toten – darunter ihr alter "Freund" Batzi Ehrhardt (Sascha Maaz) – zurückzuhalten. Die Rocker wollen Rache, während Angehörige des Verdächtigen mit zumeist persischem Background, im Club ausharren. Und dann wären da noch fünf junge Bereitschaftspolizisten unter der Einsatzleitung des erfahrenen Wolle Heizmann (Andreas Anke). Offenbar ist sich die Einheit uneins darüber, was in dieser Nacht tatsächlich geschehen ist – und was davon in ihren Bericht soll.

Das renommierte und Freiburg-erfahrene Kreativteam Bernd Lange (Drehbuch, "Das Verschwinden") und Robert Thalheim (Regie, "Kundschafter des Friedens") haben sich diesen während einer Nacht spielenden Fall ausgedacht und in Szene gesetzt. Zuletzt waren die beiden im gelungenen Hüttenthriller "Tatort: Der Reini" für das Südwest-Revier tätig. Ihr streng konzipierter Plot hat drei Schauplätze: Neben der Diskothek ist es der Verhörraum, wo Kommissar Berg den Haupttatverdächtigen in der Mangel hat, der Unterstützung durch seine Anwältin (Proschat Madani) bekommt. Dritter Ort der Handlung ist eine nächtliche Straße, wo der Mannschaftswagen mit den sechs Bereitschaftspolizisten zum Stehen gekommen ist. Die Beamten streiten darüber, wie sie die Ereignisse in der Diskothek einordnen sollen.

Plädoyer für die Wahrheit

Natürlich bezieht der Nachteinsatz von Tobler und Berg seine Spannung aus der Dynamik oben genannter Gespräche. Dabei konstruiert Drehbuch-Ass Bernd Lange das Reden über den Vorfall, der zum Tode des Rockers führte, so geschickt, dass die Rekonstruktion dessen, was tatsächlich passiert ist, bis zum Ende offen bleibt. Natürlich darf man so etwas auch erwarten in einem Krimi, der über 90 Minuten spannend bleiben soll. Und doch ist genau das nicht einfach, wenn Polizisten, die bei der Tat zugegen waren, sich darüber unterhalten. Lezteres wirkt dann manchmal auch ein wenig konstruiert und angestrengt. Dann nämlich, wenn sich die Einheit junger Polizisten (Mouataz Alshaltouh, Anna Bardavelidze, Lasse Lehmann, Ben Felipe, Caroline Hellwig) über Wahrheit, Pflicht und Moral rund um den Todesfall streiten.

Eben jene Themen stehen auch im Mittelpunkt der freundschaftlich eng verbundenen Ermittler Tobler und Berg. In einer Szene sagt Franziska Tobler zu Berg, nach dem sie gerade das Haus ihres verstorbenen Vaters ausgeräumt hat: "Der war so ein Weltmeister darin, sich alles so hinzubiegen. Ja, man muss Kollegen schützen, diese ganze Macho-Schei ... Und mich macht fertig, dass du auch so sein kannst. Weil ich ja weiß, dass du auch anders sein kannst. Dass wir halt auch ehrlich miteinander sind."

Tatsächlich ist jene Szene kurz vor Schluss eine der berührendsten Freundschaftsszenen im Krimi seit langem. Und sie ist – wie der gesamte Film – auch ein Aufruf zur Wahrheit, die nicht nur im Krimi ein derzeit gefährdetes Gut darstellt. "Tatort: Innere Angelegenheiten" ist nicht nur ein streng konstruierter Film, sondern auch ein moralisches Plädoyer, das in seinen guten finalen Momenten trotz nächtlichen Plot-Strenge auch das Herz erreicht.

Tatort: Innere Angelegenheiten – So. 19.04. – ARD: 20.15 Uhr

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