Editorial "Von Bürokraten, Russen und Gourmets"


Tausendfach überschwemmen Gesetze, Rechtsverordnungen und Vorschriften die Republik. "Der Tod stellt aus versorgungsrechtlicher Sicht die stärkste Form der Dienstunfähigkeit dar", hat die Bundeswehrverwaltung formuliert. Hätte man`s gedacht? Es gibt in diesem Land nichts, was nicht detailliert geregelt ist

Liebe Stern-Leser!

Tausendfach überschwemmen Gesetze, Rechtsverordnungen und Vorschriften die Republik. "Der Tod stellt aus versorgungsrechtlicher Sicht die stärkste Form der Dienstunfähigkeit dar", hat die Bundeswehrverwaltung formuliert. Hätte man`s gedacht? Es gibt in diesem Land nichts, was nicht detailliert geregelt ist. Jede Regierung tritt mit dem Versprechen des Bürokratieabbaus an, um dann unverzüglich durch den Ausstoß neuer Gesetze und Vorschriften das Gegenteil zu tun. Auf rund 30 Milliarden Euro schätzen Experten die jährlichen Bürokratiekosten der Wirtschaft. Ein gravierendes Standort-Handicap. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement will jetzt Ernst machen mit Bürokratieabbau. Am Ende seines "Masterplans Bürokratieabbau" muss allerdings mehr herauskommen als die Beseitigung der Vorschrift, die die Temperatur auf Betriebsklos vorgibt - mindestens 21 Grad. Wie die Regulierungswut unser Land lähmt, erzählt Stern-Autor Hans Peter Schütz in unserer Titelgeschichte.

Seit 15 Jahren

berichten Stern-Autorin Katja Gloger und Fotograf Hans-Jürgen Burkard aus Russland. Als Korrespondenten erlebten sie das Ende der Sowjetunion, zwei Putschversuche und den Aufbruch in eine neue, unberechenbare Zeit. Immer noch sind die sozialen Gegensätze in Russland gewaltig, wuchert die Korruption, wächst die Macht der Geheimdienste. In dem rohstoffreichen Land boomt die Wirtschaft, vor allem dank hoher Ölpreise. Nach Jahrzehnten der Angst und Ungewissheit gewinnen die Menschen langsam Vertrauen in die Zukunft. "Zum ersten Mal können wir unseren Kindern etwas hinterlassen", sagt eine junge Unternehmerin. In Moskau, der Hauptstadt des russischen Kapitals, präsentierte sich dem Stern-Team eine reiche, selbstbewusste junge Elite, ehrgeizig, leidenschaftlich, ebenso patriotisch wie international. Zwei Monate recherchierten Gloger und Burkard bei Unternehmern mit kühnen Visionen ebenso wie bei Millionärsgattinnen mit Lamborghini in der Garage, sie sprachen mit Künstlern und Architekten, waren Gast auf Glitzerempfängen, in den angesagten Clubs.

Wolfram Siebeck

, Küchen-Inquisitor und allwissender Gourmet, wird jetzt 75 Jahre und erhält das Bundesverdienstkreuz. Das ist uns nicht nur deshalb wichtig, weil er lange für den Stern geschrieben hat. Er wirkte über Jahrzehnte stilbildend in den deutschen Kochtopf hinein. Er war es, der gemeinsam mit späteren Sterne-Köchen die ersten kulinarischen Care-Pakete aus Paris organisierte. Sein Wort hatte Gewicht. Beispiel? Im Münchner Fresstempel "Le Gourmet" liefen in den Siebzigern die Kutteln gar nicht. "Dann kam Siebeck", erzählt der damalige Koch namens Otto Koch, "aß die Kutteln, verließ das Lokal schweigend und schrieb darüber drei Seiten im Stern. Im Stern! Drei Seiten! Über Kutteln!" Der Bann war gebrochen. Als unser Stern-Küchenchef" Bert Gamerschlag mit Fotografin Sabine Martens jetzt den Meister in seinem Haus nahe dem französischen Montelimar besuchte, gab es am ersten Abend nur einen Longdrink in die Hand. Beim Abschied drei Stunden später fiel Barbara Siebeck aus allen Wolken: "Wolfram, du hast denen nichts zu essen gemacht?!" Am Tag darauf servierte Siebeck dann Sardinen "von einer Qualität, wie ich sie noch nie gegessen habe", so Gamerschlag.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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