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Editorial: Die Entstehung der Bibel - Von der Schriftrolle zum Bestseller

Liebe stern-Leser!

Kinderarmut ist ein irreführender Begriff. Er lenkt den Blick ab vom Wesentlichen, von der Ursache: Die Armut der Kinder ist die Armut ihrer Eltern - sie sind es, die überwiegend unverschuldet am sozialen Ende der Gesellschaft leben. Und manchmal, wenn es schlimm kommt, sind sie nicht nur arm an Geld, sondern auch arm an Gefühlen - abgestumpft, resignierend und nicht mehr in der Lage, ihren Kindern Zuneigung, Selbstbewusstsein und Perspektiven zu vermitteln. In dieser Ausgabe stellen wir Ihnen Kinder vor, die vor allem unter dem chronischen Geldmangel ihrer Eltern leiden (Seite 30). Die meisten Eltern mit geringstem Einkommen oder Hartz-IV-Bezügen wollen ihren Kindern helfen und können es nicht. Manche jedoch könnten es, wollen es aber nicht. Weil sie das bisschen Geld lieber für sich selbst ausgeben - manchmal wird es in Tabak und Alkohol umgesetzt, manchmal werden damit der Unterhalt eines Autos oder Handyrechnungen bezahlt. Dies gilt sicher nur für einen kleinen Teil der Eltern. Aber auch deshalb ergibt es wenig Sinn, höhere Zuschüsse in die Familien zu pumpen. Sinnvoller wäre es, in Krippen, Kitas und Ganztagsschulen zu investieren und dort eine kostenlose Versorgung der Kinder aus armen Haushalten sicherzustellen. Ausreichend und gesund essen und trinken - das wäre schon für viele benachteiligte Kinder ein täglicher Segen.
Auch die vielen spendenfinanzierten privaten und kirchlichen Initiativen, die sich um die Ärmsten der Armen kümmern, würden mit geregelten staatlichen Zuschüssen besser über die Runden kommen. Wie beispielsweise das Projekt "Ein Zuhause für Kinder" in der Matthäus-Gemeinde im Bremer Stadtteil Huchting, in dem die neunjährige Sahar aus unserer Reportage viele Nachmittage verbringt. Dort versorgen 80 ehrenamtliche Helfer aus der Nachbarschaft 400 Kinder. Denn was die Kirche dazu beitragen kann, reicht gerade für die Räume, die drei Mitarbeiter werden mit Spenden bezahlt. Wenn Eltern ihr Kind nicht auf eine Ganztagsschule schicken können, weil kein Geld für den Kauf des Mittagessens übrig ist, darf das in einem reichen Sozialstaat wie Deutschland nicht hingenommen werden.

Gleiches gilt für die Lehrmittel an Schulen. Sozial Schwachen auch noch den Bücherkauf aufzubürden ist ein Unding. Hier nimmt das Märchen von der Chancengerechtigkeit in Deutschland seinen Anfang. In seinem Essay auf Seite 144 ("Die Schicksalsfrage der Nation") weist stern-Autor Walter Wüllenweber darauf hin, dass seit 1970 die öffentlichen Ausgaben für den Sozialstaat viereinhalbmal so stark gestiegen sind wie die für Bildung. "Die Almosen vom Staat sind nur ein Schmerzmittel. Sie machen die Benachteiligung erträglich. Aber sie beseitigen sie nicht. Eine fundierte Bildung jedoch kann die Ungerechtigkeit wirksam bekämpfen. Sozial ist, was Bildung schafft." Wüllenwebers These beruht auch auf jahrelangen Recherchen im Bereich Bildung und Soziales, die immer wieder zu aufrüttelnden Berichten im stern geführt haben. Gerade wurde er von einer hochkarätigen Jury des "Medium-Magazin" zum "Reporter des Jahres" gewählt. Ausgezeichnet wurde Wüllenweber für seinen Beitrag "Voll Porno" (stern Nr. 6/2007), in dem es um die sexuelle Verwahrlosung von Jugendlichen ging. Sie finden die Reportage noch einmal auf www.stern.de/reporter-preis.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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