Editorial Die gefühlte Depression


Liebe stern-Leser!

Sie wundern sich über unsere Titelgeschichte? Legt nicht gerade der stern immer wieder den Finger in die wunden Stellen dieser Republik? Drängt zu wirklichen Reformen, um beispielsweise der Überalterung unserer Gesellschaft rechtzeitig zu begegnen? Ja. Und diesen Kurs der konstruktiven Kritik werden wir beibehalten. Nur - und daran sind wir Medien nicht unschuldig - macht sich allmählich eine alarmistische Endzeitstimmung breit, so, als wäre Deutschland schon einen Schritt über den Abgrund hinaus.

Natürlich belasten Arbeitslosigkeit, überbordende Staatsschulden und leere Sozialkassen den Alltag. Aber: Wir jammern uns noch zu Tode. Weil wir weder ein Maut-System zustande bekommen noch eine erfolgreiche Olympia-Kandidatur, sackt inmitten massenhafter öffentlicher Selbstgeißelung unser Selbstbewusstsein unter null. Ein bedrohlicher Nörgelzustand, denn für das Stimmungsbild einer Nation spielt neben Fakten und Zahlen die Psychologie eine entscheidende Rolle. Derzeit sickert eine gefühlte Depression wie ein unsichtbares, lähmendes Gift in alle Lebensadern. VERZICHT scheint in Großbuchstaben am Horizont zu stehen. Der verunsicherte Bürger spart so viel wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Keine Nachfrage, kein Wachstum; die Psycho-Spirale dreht sich abwärts, es wird noch mehr gespart und noch weniger ausgegeben. Deutschlands Wähler und Nichtwähler suhlen sich in Unzufriedenheit. Die einen, weil ihnen der Sozialstaat wegreformiert wird, die anderen, weil ihnen die Reformen nicht brachial genug erscheinen. Mittlerweile nimmt das Ausland die "German angst" vor der Zukunft nur noch kopfschüttelnd zur Kenntnis. Denn die Leistungen der Deutschen sind in Wirklichkeit besser als ihre Stimmung - man muss nur ein wenig genauer hinschauen. Diese Mühe machte sich das stern-Ressort Politik und Wirtschaft, das einige spannende Stimmungsaufheller zusammentrug. Wir lernen: Egal, wie Völlers National-Buben abschneiden, Deutschland spielt in der Champions League (Seite 26).

Während wir auf hohem Niveau

jammern, flüchten in der sudanesischen Provinz Darfur Hunderttausende vor Mörderbanden, Militär und Hungertod. Die arabisch dominierte Regierung versucht, die afrikanische Bevölkerung im Westen zu vertreiben. Das Zeitfenster für dringend notwendige humanitäre Hilfe schließt sich wegen der herannahenden Regenzeit von Tag zu Tag mehr. In wenigen Wochen werden die Flüchtlingslager für mindestens drei Monate kaum zu erreichen sein. Immer noch mangelt es an Zelten, Planen und vor allem Nahrungsmitteln - auch weil den Hilfsorganisationen schlicht das Geld fehlt. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen rechnet allein im Tschad mit Kosten von 55 Millionen Dollar. Bis jetzt haben die Geberländer aber nur 18 Millionen Dollar bereitgestellt.

Über Wochen bemühte sich sternRedakteur Steffen Gassel um ein Visum für den Sudan. Schließlich fuhr er in den Tschad, wohin Hunderttausende geflohen sind. Er brachte eine bittere Reportage nach Hause, die eine schlichte Botschaft enthält: Wenn wir diesen Teil der Erde in seinem Elend allein lassen, wird unsere Gleichgültigkeit Tausende Menschenleben kosten (Seite 64).

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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