Sie kommen wie harmlose Wortspielereien oder musikalische Referenzen daher. Begriffe wie "VTRLND", "ESS ESS" oder die phonetisierte Tonfolge "döpp dö dö döpp".
Doch dahinter verbergen sich geheime Codes der Neonazi-Szene. "VTRLND" steht verkürzt für "Vaterland", "ESS ESS" für Hitlers Leibstandarte SS. "Döpp dö dö döpp" ist eine Anspielung auf den Refrain von "L' amour toujours ", ein Lied des italienischen DJ Gigi D'Agostino, das als berüchtigt gilt, seit in Deutschland mehrere Vorfälle bekannt wurden, wo auf Partys zu diesem Refrain die rassistische Parole "Deutschland den Deutschen – Ausländer raus" skandiert wurde. In Online-Neonazi-Shops werden Mützen und T-Shirts mit solchen Codes vertrieben – ein Versuch, Gleichgesinnte zu erreichen und Geld zu machen.
Verein kann Neonazis die Nutzung verbieten
Doch ein Verein dreht den Spieß um. "Laut gegen Nazis" heißt die Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Codes zu enttarnen und ihrer Verbreitung die finanzielle Grundlage zu entziehen. Dafür hat sich der Verein die Rechte sichern lassen an "VTRLND", "HKNKRZ" und "döpp dö dö döpp" und jetzt zuletzt an "ESS ESS", gemeinsam mit der Werbeagentur Jung von Matt. Damit kann die Initiative entscheiden, wer die Begriffe kommerziell nutzen kann – und vor allem, wer nicht.
"Laut gegen Nazis" wurde 2004 vom Hamburger Musikmanager Jörn Menge mit dem Ziel gegründet, rechtsextremen Entwicklungen eine Kampagne entgegenzusetzen. Zum Programm gehört auch die Organisation von Musikfestivals und Workshops für Jugendliche.
Es ist nicht das erste Mal, dass der Verein das Markenrecht als Mittel der "feindlichen Übernahme" verwendet. Sein größter Coup war es, sich die Nutzungsrechte für den Onlineshop "Druck18.com" zu sichern, über den Produkte mit rechtsextremen Slogans vertrieben wurden. Der Titel des Shops ist eine Anspielung: Die Zahl 18 steht in rechtsextremen Kreisen für den Namen Adolf Hitler, dessen Initialen der erste und der achte Buchstabe im Alphabet sind.
Der ursprüngliche Betreiber klagte gegen die Übernahme, scheitert aber vor Gericht in zwei Instanzen. Weil beim Markenrecht Voraussetzung ist, dass es aktiv genutzt wird, finden sich auf "Druck18.com" nun Produkte, die Neonazi-Codes umdeuten oder für antifaschistische Initiativen wie "Omas gegen rechts" werben. So kann man dort nun Pullover mit einem durchgestrichenen AfD-Logo oder der Aufschrift "Mein VTR ist AusLNDr" erwerben.
Darum bewertet ein Experte die Aktion als ambivalent
Der Extremismus-Forscher Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung sieht das Vorgehen der Initiative ambivalent. "Ein solches Vorgehen hat Vor- und Nachteile", sagte der Politologe dem stern. Auf der einen Seite könne so juristisch effektiv gegen die Verbreitung von rechtsextremen Codes vorgegangen werden, auf der anderen Seite könne dies aber auch die (mediale) Aufmerksamkeit auf die Codes und ihren Vertrieb erhöhen. "Da rechtsextreme Akteure sehr stark von medialer Aufmerksamkeit leben, kann dieser produzierte Nachteil womöglich in einen Vorteil umgedeutet werden", so Neumann. Hinzu komme, dass die Szene sehr engagiert im Erfinden neuer Codes sei.
Das zeigt sich auch bei den ursprünglichen Betreibern von "Druck18.com". Inzwischen gibt es unter leicht verändertem Namen einen neuen Online-Shop, der weiter Kleidung und andere Produkte mit rechtsextremen Codes verkauft.