Es dauert keine Viertelstunde in der ersten Folge von "Heated Rivalry", dann sehen wir sie zum ersten Mal: die zwei nackten Hinterteile, die das Internet seit Wochen in Aufregung versetzen. In einer Mannschaftsdusche werden sie nass eingeseift, wenig später gibt's bei einem Blowjob im Hotel noch mehr davon zu sehen. Screenshots aus der Serie können in den sozialen Medien schon mal um die 23 Millionen Mal angeklickt werden, Clips zu Fitness-Routinen, die den "Heated Rivalry"-Po versprechen, gehen ebenfalls viral. Aber halt: Wer "Heated Rivalry" auf die Erotik beschränkt, der verkennt die Show. Sex allein hätte die kanadische Indie-Produktion wohl nicht zum globalen Phänomen werden lassen.
Im Zentrum stehen zwei queere Eishockey-Profis: Auf der einen Seite der Kanadier Shane Hollander (Hudson Williams), ein disziplinierter, besonnener Typ, behütet aufgewachsen, Lieblingsstadt Ottawa, "weil es meine Heimat ist". Und auf der anderen Seite der Russe Ilya Rozanov (Connor Storrie): rauchend, feiernd, ein Draufgänger mit schwieriger Familiengeschichte. Die beiden gelten als die Talentiertesten ihres Jahrgangs, Presse und Fans jubeln ihre Rivalität auf dem Eis hoch. Doch dann entspinnt sich eine heimliche Affäre zwischen den beiden – inmitten der homophoben Welt des Profisports.
Der Tabubruch ist sicherlich mit ein Grund, warum die Serie so gut ankommt. In den USA sahen die sechs Folgen bei der Veröffentlichung im November durchschnittlich neun Millionen Zuschauer, auf den Philippinen, in Singapur und Taiwan ist es schon jetzt die erfolgreichste HBO-Serie überhaupt. Der kanadische Premierminister Mark Carney posierte kürzlich in Serien-Merch für Fotos, New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani empfahl seinen Städtern, sich die Buchvorlage in der öffentlichen Bibliothek auszuleihen. Denn das trägt auch zum Hype bei: "Heated Rivalry" hatte schon Fans, bevor die Serie startete.
Love is love: "Heated Rivalry" bietet eine große Liebesgeschichte
Die Folgen basieren auf den Büchern der kanadischen Autorin Rachel Reid. Sie schrieb mit der "Game Changers"-Reihe gleich sechs queere und erotisch aufgeladene Liebesromane im Hockey-Milieu, die schnell eine verschworene Fangemeinde fanden. Eishockey, ein extrem körperlicher Sport, gilt in diesem Nischen-genre als besonders beliebt. Die Geschichten entstanden jedoch aus einem Gefühl der Rebellion, wie die Autorin mal der "Washington Post" sagte: "Ich war wütend auf die Hockey-Kultur und darauf, wie offen homophob sie war und ist", so Reid. Sie habe sich geschämt, Hockey-Fan zu sein. "Die ganze Buchreihe greift die NHL und Hockey-Kultur ziemlich an", so die Autorin weiter. Die Serie ist damit auch eine Kampfansage an toxische Männlichkeit.
Für zusätzliche Fallhöhe sorgt die scharfe Anti-LGBTQ+-Propaganda in Ilyas Heimat. "Ich könnte nie mehr nach Russland zurück", bricht es einmal aus ihm heraus. Vielleicht macht gerade deshalb das "Heated Rivalry"-Fieber auch nicht vor Russland halt, im Gegenteil. Die Serie ist dort viraler, als es Putin lieb ist. Auf der russischen Filmbewertungs-Website Kinopoisk haben die sechs Folgen jedenfalls einen Bestwert von 8,4 erzielt – und das, obwohl in Russland niemand legal an die Show rankommt.
Dass das Ganze so gut funktioniert, liegt nicht nur an den viel zitierten durchtrainierten Hinterteilen der beiden Hauptdarsteller ("Ich hätte nie gedacht, das mein Po mal viral geht", scherzt Storrie in Interviews gern). Sondern auch an der oft beschworenen chemistry, diesem gewissen Etwas zwischen zwei Schauspielern. Storrie und Hudson schöpfen daraus im Überfluss. Schon nach dem ersten gemeinsamen Casting soll Williams zu Showrunner Jacob Tierney gesagt haben, bei Storrie habe er das Gefühl, als wolle dieser ihn jede Sekunde an die Wand drücken, um Sex mit ihm zu haben. "Wir sind Seelenverwandte", sagt Storrie über Williams. Ein Castingglück, wie es manch Hollywoodproduktion gern hätte.
Williams, 24, ist Kanadier, Storrie, 25, US-Amerikaner und bis vor Kurzem wischten beide noch als Kellner Tische ab, um die Schauspielerei zu finanzieren. Seit dem Über-Nacht-Erfolg ihrer Serie rasen sie auf einer charmant unterhaltsamen und erfrischend offenherzigen Pressetour um die Welt, klappern Talkshows und Partys ab, zieren Zeitschriftencover. Connor Storrie, Typ Heath Ledger, wurde gerade als neues Gesicht von Yves Saint Laurent verpflichtet, Hudson Williams lief bei der Fashion Week in Mailand für das kanadische Label DSquared über den Laufsteg. Beide haben längst die Drei-Millionen-Follower-Marke auf Instagram geknackt. Wie sie ihre Karrieren nach dem Erfolg weiter gestalten, wird interessant zu beobachten sein.
In "Heated Rivalry" zeigen sie, dass sie ein Talent für subtiles, vielschichtiges Schauspiel haben. Heimliche Blicke, verbotene Berührungen, wenig Worte – abseits der Erotikszenen spielt sich das meiste in Mimik und Gestik ab, das Publikum kann die über Jahre wachsende Liebe mehr fühlen als sehen. Die große romantische Geste, wie wir sie aus Rom Coms kennen, gibt es für Ilya und Shane jedenfalls nicht. Die darf stellvertretend in Folge drei ein anderes homosexuelles Paar auf einem Nebenschauplatz ausleben, eine clevere Strategie, um all das Ungesagte zwischen Ilya und Shane leuchten zu lassen.
Ein Happy End gibt es für die beiden trotzdem – und nein, das ist kein Spoiler, denn bei Liebesromanen gilt bekanntlich nur eine Regel: Am Ende kriegen sie sich. Es ist eine Selbstverständlichkeit des Genres, die bei queeren Liebesgeschichten immer noch Seltenheitswert hat. "Heated Rivalry" zeigt umso schöner endlich mal wieder: Love is love.
"Heated Rivalry" ist ab dem 6. Februar auf HBO Max zu sehen, wöchentlich eine neue Folge