Als die Schauspieler Connor Storrie und Hudson Williams am Sonntagabend bei der Golden-Globe-Verleihung auf die Bühne treten, jubelt das Publikum. "Na, habt ihr unsere Show 'Heated Rivalry' gesehen?", fragten sie und antworteten gleich selbst: "Eure Mütter und Töchter haben sie gesehen!" Die kanadische Show um zwei schwule Eishockeyspieler gilt als Seriensensation der Stunde.
Guckt man in die sozialen Medien, fällt vor allem das Wort "obsessed": Die Fans, die meisten weiblich, schreiben, sie seien wie besessen von der Serie, gucken die Folgen immer wieder, posten unzählige Memes und Clips. Warum nur ist "Heated Rivalry" so schnell (die erste Folge erschien Ende November in Nordamerika) durch die Decke geschossen? Und warum sind ausgerechnet Frauen von der mit homosexuellen Erotikszenen vollgepackten Geschichte so begeistert?
"Weil die Frauenfeindlichkeit fehlt!", ist eine gängige Antwort im Netz. Und auch Jacob Tierney, der Regisseur der Serie, berichtet von einer ähnlichen Reaktion, die er vom weiblichen Publikum immer wieder bekomme. Frauen seien im echten Leben und in der Gesellschaft generell endlos sexueller Gewalt ausgesetzt, sagte er im Gespräch mit "Variety". "Was ich so höre, liegt es auch an der Sicherheit, die entsteht, wenn es nicht um eine Frau geht. Man guckt, was zwischen zwei Männern passiert, und muss keine Angst haben, dass gleich etwas Gewalttätiges geschieht. Es besteht nicht die Gefahr, etwas zu sehen, womit sich Frauen im echten Leben schon viel zu oft auseinandersetzen müssen. Und mit dem sie sich nicht auch noch in ihrer Fantasie befassen wollen. Schlussendlich geht es hier um eine romantische Fantasie."
"Heated Rivalry" ist eine klassische Verbotene-Liebe-Erzählung
Und romantisch ist "Heated Rivalry" trotz oder gerade wegen der zahlreichen Sexszenen definitiv: Im Kern geht es um zwei Eishockey-Profis, die ihre Liebe jahrelang verstecken müssen, aus Angst, von der homophoben Sportbranche abgestraft zu werden. Dass einer der beiden aus Russland stammt, macht die Sache zusätzlich gefährlich. In seiner Heimat droht ihm eine Gefängnisstrafe, sollte die Beziehung auffliegen. Es ist also eine klassische Verbotene-Liebe-Erzählung, die so oder so ähnlich seit "Romeo und Julia" die Menschen berührt.
Viel dreht sich in der Serie darum, wie die beiden Spieler über Jahre heimlich Blicke austauschen, sich zufällig berühren, nur mit Code-Namen im Handy miteinander kommunizieren, um irgendwie verbotene Treffen möglich zu machen. Bei denen es dann immer darum geht, dass beide Partner befriedigt sind, dass über Wünsche und Grenzen gesprochen wird. Ja, die Hinterteile der Hauptdarsteller Connor Storrie und Hudson Williams sind sicherlich sexy. Aber was ist für viele Frauen noch heißer? Der respektvolle, verspielte und liebevolle Umgang, den die beiden miteinander pflegen.
Die Show basiert auf der "Game Changer"-Buchreihe der kanadischen Autorin Rachel Reid, es ist also eine schwule Liebesgeschichte, geschrieben von einer Frau – hauptsächlich für Frauen. Aber sie entstand auch aus einem Gefühl der Solidarität, wie die Autorin der "Washington Post" 2023 sagte: "Ich war wütend auf die Hockey-Kultur und wie offen homophob sie war und ist", so Reid. Sie habe sich geschämt, Hockey-Fan zu sein. "Die ganze Buchreihe greift die NHL und Hockey-Kultur ziemlich an", so die Autorin weiter. Die Geschichte ist damit auch eine Kampfansage an toxische Männlichkeit.
Und die trifft gerade einen Nerv. Kürzlich ging ein "Vogue"-Artikel viral mit dem Titel: "Ist es jetzt peinlich, einen Boyfriend zu haben?" Frauen, so scheint es, sind von heterosexuellen Beziehungen und deren toxischen Dynamiken ermüdet. Außerdem, so in etwa argumentiert die Autorin Reid, sind zwei Penisse besser als einer: "Männer mögen lesbische Pornos – warum sollte Frauen also das nicht gefallen?"
Vielleicht ist es aber auch ein anderer Aspekt, der die weibliche Begeisterung für "Heated Rivalry" erklärbar macht: Frauen sind schlicht geübt darin, sich in diverse Protagonisten einzufühlen. Weil sie es schon immer mussten. Wer schon in der Schule gelernt hat, sich mit einem Holden Caulfield zu identifizieren, weil der Lehrplan außer Anne Frank keine weibliche Autorin vorsieht, wer als Kind nur die Schlumpfine als weibliche Option zur Auswahl hat und später Hollywoodfilme mit Männern als Helden und Frauen als hübschem Beiwerk konsumiert, der kann bei jeder Geschichte mitfühlen – so lange sie gut erzählt ist.
"Heated Rivalry" ist ab dem 6. Februar beim Streaming-Dienst HBO Max zu sehen