Kanadische Serie Wie "Heated Rivalry" Autismus darstellt

  • von Anna-Lena Malter
Heated Rivalry Foto aus der Serie
Heated Rivalry Stars Connor Storrie (hinten l.) als Ilya Rozanov und Hudson Williams als Shane Hollander
© Sabrina Lantos / HBO Max / DPA
Heated Rivalry ist die Serie der Stunde. Ein Post unserer Autorin ging viral und zeigt, wie viele autistische Menschen sich in der Rolle von Shane repräsentiert fühlen.
 

Noch bevor das "Heated Rivalry"-Fieber richtig losging, hatte ich im Dezember mit der Autorin Rachel Reid gesprochen. Danach postete ich eine Instagram-Story darüber – so eine, die normalerweise vielleicht hundert Menschen sehen.

Die Aussage war einfach: Ich fand es toll, dass Showrunner Jacob Tierney und Schauspieler Hudson Williams Shane als autistisch erkannt haben. Der Post ging viral, ich wurde von BuzzFeed Canada und anderen Popkulturseiten zitiert. Ich war ehrlich verwirrt. Das war doch schon in den ersten Minuten der Serie sichtbar? Ich bin Autistin mit ADHS und habe eine Art Antenne für neurodivergente Menschen. Für mich war Shanes Autismus keine Überraschung.

Autismus wurde in der Popkultur lange auf Stereotype reduziert. Doch autistische Menschen verhalten sich nicht wie Sheldon Cooper – der kein Autist ist. Autismus ist ein Spektrum, eine neurologische Entwicklungsstörung. Keine "quirky Eigenschaft".

Autismus kündigt sich nicht an

"Heated Rivalry" versteht etwas Entscheidendes: Autismus kündigt sich nicht an. Er zeigt sich in Reaktionen, in der Art, wie ein Körper durch die Welt geht.

Genau deshalb funktioniert Hudson Williams’ Darstellung von Shane so außergewöhnlich gut. Sein Autismus wird weder als Problem noch als Lektion inszeniert. Es gibt keine Diagnoseszene, Shane weiß es selbst nicht – und doch ist er in jeder Szene präsent. Shane nimmt Dinge wörtlich. (Ilya: "I thought you would chicken out." Shane: "I’m not a chicken.") und meidet Blickkontakt. In Stressmomenten klammert er sich an die Taschen seiner Hose, als müsste er sich körperlich im Raum verankern. Es sind leise, wiederkehrende Gesten der Selbstregulation.

Hudson Williams spielt diese Details mit großer Präzision. In Interviews sprach er davon, dass ihn unter anderem sein autistischer Vater inspiriert habe. Entscheidend ist dabei nicht, Autismus zu benennen, sondern darauf zu reagieren. Ilya tut genau das. Er passt sich an. Shane stellt Rückfragen nicht, um schwierig zu sein, sondern weil Gewissheit für ihn Sicherheit bedeutet.

Daraus entsteht eine subtile, fast unsichtbare Dom-Sub-Dynamik – nicht als Kink, sondern als Fürsorge. Ilya erkennt, wie angespannt Shane ist, wie viel Druck er trägt. Shane ist nicht nur Teamkapitän, sondern auch einer der wenigen ostasiatisch-kanadischen Spieler in einer Liga, die stark von Weißsein geprägt ist. Seine Mutter erinnert ihn daran, dass er Verantwortung trägt. Dass er für mehr steht als nur für sich selbst.

Von Anfang an etabliert "Heated Rivalry" ein zentrales Missverständnis

Shane braucht Eindeutigkeit. Nicht, weil ihm Gefühle fehlen, sondern weil Gefühle allein keine Sprache sind, die er zuverlässig lesen kann. Von der ersten Folge an etabliert "Heated Rivalry" ein leises, aber zentrales Missverhältnis zwischen Shane und Ilya: Ilya kommuniziert über Andeutungen und Gesten. Shane wartet auf explizite, vollständige Informationen. Das ist keine Naivität. Das ist Autismus. Und die Serie behandelt es mit bemerkenswerter Genauigkeit. Ilya flirtet – nach gängigen Maßstäben sehr deutlich: Blicke, ein herausforderndes Lächeln, Fragen über Montreal. Shane nimmt das als Gespräch wahr. Mehr nicht.

Ilya passt sich an. Er gibt Shane seine Wasserflasche, achtet darauf, dass er genug trinkt. Er berührt seine Finger, testet, ob Nähe ausdrücken kann, was Worte nicht geschafft haben. Shane registriert die Berührung, nicht ihre Bedeutung. Nähe ohne Kontext ist keine Botschaft, sondern nur ein Reiz.

Also wird Ilya deutlicher. Beim Shooting nennt er Shane "pretty". Shane reagiert defensiv: "You’re wearing make-up too." Komplimente können wie Spott klingen – besonders im Kontext von Eishockey. Ohne eindeutige Einordnung bleibt alles unsicher. Ilya versucht es logisch. Er sagt Shane, dass die Kampagne seine Idee war, dass er ihn dabeihaben wollte. Doch auch das bleibt unvollständig. Mit jemandem arbeiten zu wollen, ist nicht dasselbe wie romantisches Begehren.

Was folgt, ist weniger Verführung als Verzweiflung. Ilya hat keinen Subtext mehr. Also wählt er die einzige Form von Kommunikation, die nicht missverstanden werden kann: Er masturbiert neben Shane unter der Dusche. Das versteht Shane.

Klarheit gibt Shane Sicherheit

Sein Begehren war immer da. Was fehlte, war der Zugang zu unausgesprochenen Regeln – und genau darin entlarvt die Serie die Brüchigkeit neurotypischer Kommunikation. Im Bett gibt Ilya Anweisungen und ist überrascht, wie schnell Shane sie umsetzt. Klarheit gibt ihm Sicherheit. Doch die Aufmerksamkeit ist gegenseitig. Ilya beobachtet genau. Er merkt, wann Shane sich anspannt, wann etwas kippt. Er weiß, wann er bremsen muss, wann eine Pause nötig ist.

Beim ersten penetrativen Sex fragt er immer wieder nach. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Fürsorge. Zustimmung ist kein einzelner Moment, sondern ein fortlaufendes Gespräch – eines, das Shane nicht mühsam übersetzen muss. Was hier entsteht, ist kein Machtspiel, sondern Vertrauen. Ilya will Shane nicht ändern. Er begegnet ihm dort, wo er ist.

Shane zieht sich bei Stress zurück. Er liest lieber im Bett, statt wie Ilya auf Partys zu gehen. Einer ertrinkt im Lärm, der andere im Schweigen – und sie treffen sich irgendwo dazwischen. Wenn Ilya Shane "langweilig" nennt, meint er eigentlich: sicher, ruhig, verlässlich. Für Ilya ist Langeweile eine Fantasie von Ruhe. Deshalb schmerzt es so, dass Shane nicht erkennt, was Ilya ihm anbietet. Als Shane Ilya zum ersten Mal zu Hause besucht und dieser oberkörperfrei mit tiefsitzender Jogginghose die Tür öffnet, geht Shane unbeirrt an ihm vorbei, spricht über die Architektur und will mit Ilya reden. Er ist überfordert von den Gesten: vom Ginger Ale, das Ilya extra für ihn gekauft hat, vom Angebot zu kochen. Nähe ohne klare Einordnung kann überwältigend sein.

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Wenn Ilya über Frauen spricht, reagiert Shane distanziert. Ilya will ihm die Möglichkeit geben, über seine Sexualität zu sprechen, aber Shane erkennt diese Geste nicht. Als Ilya sich selbst als "faul" bezeichnet, ist das für Shane unverständlich – Selbstironie ist eine Sprache, die er nicht versteht.

Als beide später erstmals den Vornamen des anderen benutzen, ist das für Ilya ein Schritt nach vorn. Für Shane ist es zu viel. Die neuen Informationen lassen sich nicht einordnen, also flieht er. Shane will "normal" sein und kommt deshalb mit Rose zusammen. Nach der berühmten Clubszene geht er mit ihr nach Hause, als sie sich auszieht, wirkt Shane so, als müsse er sich selbst überzeugen, mit ihr zu schlafen. Mit Ilya kann er loslassen, bei Rose spielt er eine Rolle. Als er später mit ihr spricht, wird er nonverbal. Er kann nur durch Nicken kommunizieren.

In Florida will Shane reden. Diesmal hört Ilya zu. Sie verabschieden sich mit Vornamen. Im Finale kocht Shane exakt nach Rezept – acht Burger, weil es dort so steht. Struktur ist keine Starrheit, sondern Hingabe. In einer Welt voller impliziter Regeln ist Klarheit ein Zufluchtsort. Als Ilya andeutet, nach Kanada ziehen, seinen russischen Pass abgeben und eventuell Svetlana heiraten zu wollen, versteht Shane nicht, was Ilya eigentlich sagt: dass er bereit ist, alles hinter sich zu lassen – für ihn. Während Ilya schläft, schmiedet Shane einen jahrelangen Plan bis zum Karriereende. Wo Ilya mit Taten liebt, liebt Shane mit Planung. 

Als Ilya schließlich "Ich liebe dich" sagt, reagiert Shane überrascht. Er erwidert seine Liebe ruhig, beinahe sachlich. Jetzt, wo alles ausgesprochen ist, weiß er, dass seine Gefühle angenommen werden.

Gegenüber seiner Mutter sagt Shane, dass er jahrelang versucht habe, normal zu sein. Das lässt sich nicht nur als Versuch lesen, heterosexuell zu sein, sondern als tieferes, existenzielles Ringen. Er hat zwei Panikattacken. Beide Male fängt Ilya ihn auf und lässt Shane entscheiden, wie viel Nähe möglich ist.

Die zweite Panikattacke ist besonders bezeichnend: Shanes Mutter spricht über Branddeals, als er zusammenbricht. Ilya bleibt ruhig. Er weiß, was Shane braucht. Er sagt ihm, dass seine Familie und sein fester Freund bei ihm sind.

Diese Information ist neu. Ein Label, über das sie zuvor nicht gesprochen haben. Doch gerade diese selbstverständliche Klarheit holt Shane zurück.

Shane ist ein ganzer Charakter, kein Klischee

Ich habe Hunderte Nachrichten von autistischen Menschen über Social Media erhalten, die sich in Shane repräsentiert fühlen. "Heated Rivalry" zeigt Autismus nicht als Gegensatz zu Intimität. Sex, Begehren und körperliche Nähe gehören selbstverständlich zu Shanes Leben. Er liebt und will geliebt werden – und genau diese Selbstverständlichkeit bedeutet mir und so vielen anderen unglaublich viel. Shane ist ein ganzer Charakter, kein Klischee. Sein Autismus wird nicht benannt, zieht sich aber sichtbar durch die gesamte Serie. Ich kann nur hoffen, dass "Heated Rivalry" neurotypischen Menschen ein neues Verständnis von Autismus ermöglicht.

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