Editorial Die Gesichter der globalen Krise


Liebe Leserin, lieber Leser,

die Wirtschaftskrise frisst sich wie ein Krebsgeschwür in die Bilanzen von immer mehr Firmen, aber mittlerweile auch in die Gedanken ganz normaler Menschen, die einfach nur ihre Arbeit machen und ihr Leben leben wollen. Sie raubt ihnen Hoffnungen und gefährdet viele Zukunftspläne. Mag es den meisten im Moment noch ganz gut gehen, so fragen sie sich doch: Was passiert als Nächstes? Wann trifft es mich? Anders als in früheren Krisen, bei denen es sowohl Gewinner als auch Verlierer gab, sehen wir im Zeitalter der Globalisierung momentan vor allem Verlierer. Und zwar weltweit. Zehn stern-Teams haben auf sechs Kontinenten die Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise recherchiert. Korrespondenten und Fotografen zeigen in Porträts, mit welchen konkreten Problemen die Menschen von Deutschland bis Australien, von Argentinien bis China zu kämpfen haben. stern-Reporter Jan Boris Wintzenburg beschreibt in seiner Titelgeschichte die Zusammenhänge: "Wenn die Welt stillsteht" (Seite 30).

So schnell wird man vom Märtyrer zum Verdächtigen: Am 13. Dezember 2008 wurde der Passauer Polizeidirektor Alois Mannichl vor seiner Haustür von einem Unbekannten "mit schönen Grüßen vom nationalen Widerstand" niedergestochen. Weil die Fahndung nach dem vermutlich rechtsradikalen Täter erfolglos blieb, geriet bald die Familie ins Gerede: Die Frau, die Kinder, ja Mannichl selbst sollten es angeblich gewesen sein. Das Opfer schwieg auf Weisung seiner Vorgesetzten, um die weiteren Ermittlungen nicht zu belasten. Am vergangenen Freitag jedoch gaben Mannichl, 52, und seine Frau Anneliese, 53, dem stern das erste gemeinsame Interview (S. 54).

Nicht zu Hause am Tatort, sondern auf halbwegs neutralem Boden in der Altenpflegepraxis von Frau Mannichl in Fürstenzell. Sie wählten den stern, weil der sich als Einziger nicht an den Spekulationen beteiligt habe, so das Ehepaar. Die Mannichls, seit 30 Jahren verheiratet, beide aus dem Bayerischen Wald, redeten sich im niederbayerischen Dialekt ihren Groll von der Seele: Sie seien einer "Medienhetzkampagne" ausgesetzt gewesen, "die ihresgleichen sucht". Seine Wunde wollte Alois Mannichl nicht zeigen. Sie sei zwar "gut verheilt, aber noch Gegenstand der Ermittlungen".

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

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