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Editorial: Dieselben Fragen, dieselben Rituale

Liebe Leserin, lieber Leser,

nach jedem Amoklauf werden in Deutschland dieselben Fragen gestellt, dieselben Forderungen erhoben. Die Fragen nach dem Warum. Die Forderungen nach schärferen Gesetzen, Computerspielverboten, mehr Schulpsychologen oder Eingangskontrollen an Schulen. Ein Ritual - und jeder weiß am Ende doch, dass solche Amoktaten so nicht zu verhindern sind. Denn die Täter werden durch ein kompliziertes Innenleben getrieben, das sich meist selbst nahen Angehörigen nicht erschließt, geschweige denn von Lehrern oder fernen Psychologen entschlüsselt werden kann. Diese jungen Männer richten nicht im Affekt ein Blutbad an. Es ist eher der Kulminationspunkt einer inneren Verwandlung.

Ein versteckter Brandsatz aber liegt nach den traumatischen Ereignissen von Erfurt, Emsdetten und Winnenden offen: Allen Tätern waren Schusswaffen vertraut, auch weil sie in der Nähe von Schützenvereinen groß geworden sind. Robert Steinhäuser aus Erfurt war selbst Mitglied. Der Vater von Bastian Bosse aus Emsdetten war zweifacher Schützenkönig. Und Tim Kretschmer aus Winnenden dürfte die Faszination von Schusswaffen seinem Vater abgeschaut haben. Dass er als 17-Jähriger wie selbstverständlich mit einer Pistole umgehen konnte, liegt daran, dass er mit seinem Vater im Schützenverein üben durfte. Was ihn noch gefährlicher machte.

Es gibt etwa 15.000 Schützenvereine in Deutschland, heimatverbunden, friedlich und eine Talentschmiede für die olympischen Schießdisziplinen. Die Politik war und ist zu feige, um sich mit dieser urdeutschen Tradition richtig anzulegen. Aber eine Frage drängt sich auf: Warum eigentlich muss all das mit scharfer Munition geschehen, die tödlich sein kann? Geht es nicht eine Nummer kleiner? Wer über Konsequenzen debattiert, sollte auch die Sicht der Eltern einnehmen, deren Kinder in der Schule kaltblütig erschossen wurden. Was sind dagegen lieb gewonnene Traditionen und ein paar Goldmedaillen?

Der stern-Bericht über die Bluttat beginnt auf Seite 28. Am vergangenen Wochenende trafen stern-Reporter auch Igor Wolf - den Mann, den Kretschmer als Geisel genommen hatte. Er schildert in einem ausführlichen Interview die zwei Stunden dauernde Irrfahrt von Winnenden nach Wendlingen, wo sich der Amokläufer schließlich eine Kugel in den Kopf schoss.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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