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Editorial: Ein neues Deutschland

Liebe stern-Leser!

Ob der schwarzrotgoldene Rausch nur eine vorübergehende Partystimmung ist oder eine neue, nachhaltige Form von Patriotismus, darüber kann man geteilter Meinung sein. Eines ist er gewiss nicht: problematisch oder peinlich. Ganz im Gegenteil: Die Partys und die Fahnen sind Ausdruck von unbeschwerter Freude darüber, dass wir uns mal nicht nur mit Problemen beschäftigen wie sonst, dass wir bessere Gastgeber sind als gedacht, dass unsere Jungs auch besser Fußball spielen als erwartet und dass sogar das Wetter besser ist als erhofft. "Patriotismus ist Liebe zu den Seinen; Nationalismus ist Hass auf die anderen", hat Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker einmal gesagt. Bislang ist die größte Multikulti-Party aller Zeiten in Deutschland frei von falschen Tönen. "Stolz auf Deutschland zu sein, ohne auch nur ansatzweise zum Nazi zu mutieren - es geht", schreibt der Schriftsteller und Drehbuchautor Thomas Brussig ("Sonnenallee") in der "Süddeutschen Zeitung". Ein deutscher Patriot neuer Prägung sei nicht rechts, sondern empfinde es als Schande für Deutschland, dass es No-go-Areas für Menschen anderer Hautfarbe gibt.

Zu Gast bei Freunden - Millionen Besucher aus dem Ausland empfinden das wirklich so. Wer Deutschland von früher kennt, spürt die Veränderungen besonders stark. Seit fünf Jahren lebt Michael Streck als US-Korrespondent des stern in New York und kehrt nur in sehr unregelmäßigen Abständen nach Deutschland zurück. Zur Weltmeisterschaft kam er nun eingeflogen, reiste gemeinsam mit Fotograf Thomas Hegenbart kreuz und quer durch die Republik und fühlte sich ein Stück weit an die USA erinnert: "Die Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und der unverkrampfte Umgang mit nationalen Symbolen hat mich in dieser ausgeprägten Form sehr überrascht." Seine Reportage beginnt auf Seite 26.

Noch nie gab es so viele gut ausgebildete Frauen wie heute, und sie wollen Karriere machen. Immer mehr von ihnen gelingt es tatsächlich - der Frauenanteil an den Top-Jobs in der deutschen Wirtschaft hat sich seit 1995 verdoppelt. Zunehmend setzen sich bei unseren Wirtschaftslenkern die Erkenntnisse durch, die skandinavische und amerikanische Forscher in den vergangenen 20 Jahren gewonnen haben: je größer der Frauenanteil auch in Führungspositionen, desto besser die Unternehmenszahlen. stern-Autorin Beate Flemming besuchte und beobachtete sieben Chefinnen an ihrem Arbeitsplatz - vom Vorstand für Finanzen bis zur Dirigentin. Die Frauen selbst fanden allesamt, dass sie nicht anders führten als ein Mann. Ihre Mitarbeiter hingegen waren da ganz anderer Ansicht: "Menschlicher und persönlicher, authentischer, sachlicher und direkter" als männliche Bosse seien ihre Chefinnen, schwärmten sie. Und vor allem hätten sie im Gegensatz zu Männern eines: "Humor". Ab Seite 52.

Und wie sieht es mit Frauen beim stern aus? Von 200 festen und freien Mitarbeitern unserer Redaktion sind ausweislich des Impressums immerhin 80 weiblich - und immer mehr besetzen auch leitende Positionen: als Textchefin, stellvertretende Art-Direktorin, Fotochefin, Ressortleiterin. Es könnten ruhig noch mehr sein: Immerhin sind fast die Hälfte der rund acht Millionen stern-Leser Frauen.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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