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Editorial: Ist das gerecht? Schreiben Sie uns!

Was einer bei uns werden kann, darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen! Dieser Satz taucht in fast jeder Sonntagsrede von Sozialdemokraten auf.

Liebe stern-Leser!

Was einer bei uns werden kann, darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen! Dieser Satz taucht in fast jeder Sonntagsrede von Sozialdemokraten auf. Auch Konservative und Liberale fordern bei jeder passenden Gelegenheit mehr Bildung, mehr Leistung, mehr Gerechtigkeit. Doch haben bei uns wirklich alle die gleichen Chancen, nach oben zu kommen?

Nein, ist die ernüchternde Erkenntnis von stern-Autor Walter Wüllenweber. Auslöser seiner Recherchen für die Titelgeschichte in diesem Heft war eine Studie über den "Mythos von der Leistungselite". Darin hat Professor Michael Hartmann von der Universität Darmstadt herausgefunden, dass bei der Besetzung von Führungspositionen die soziale Herkunft noch immer der entscheidende Faktor ist. Inzwischen ist sein Buch eine der meistbeachteten soziologischen Studien der letzten Jahre und Hartmann ein Star seiner Disziplin.

Wüllenweber sprach auch mit vielen anderen Soziologen. Das erstaunliche Ergebnis: Den Wissenschaftlern ist seit längerem klar, wie ungerecht die Chancen in Deutschland verteilt sind. Und sie wissen auch, dass sich die Situation für die Kinder so genannter kleiner Leute nicht verbessert, sondern ständig verschlechtert. Das fängt in der Schule an, wie die Pisa-Studie in erschreckender Weise gezeigt hat, und hört beim Top-Management auf, wie Hartmann nun nachgewiesen hat.

Chancengerechtigkeit ist seit den 70er Jahren eines der wichtigsten politischen Ziele der Gesellschaft. Und dieses Ziel wurde nicht erreicht. Merkwürdigerweise gibt es keine öffentliche Debatte über das Versagen der Politik.

stern-Autor Wüllenweber - Mutter Hausfrau, Vater Abteilungsleiter bei IBM - konnte als Erster in seiner Familie zur Uni gehen. Er studierte in Heidelberg Politik, Jura und Sport. Nach der Henri-Nannen-Journalistenschule ging er zur "Berliner Zeitung", dann zum stern - und wurde das, was Michael Hartmann einen "qualifizierten Experten" und er selbst "Fachmann ohne Macht" nennt. Seine Titelgeschichte über "Das Märchen von der Chancengleichheit".

Uns interessiert auch die Meinung der Leser zu diesem Thema. Schreiben Sie uns bitte, was Ihrer Meinung nach schief läuft und was sich ändern muss. Wir drucken eine Auswahl der interessantesten Zuschriften gleich nächste Woche.

Herzlichst Ihr Thomas Osterkorn