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Editorial: Joschka Fischer Superstar

Liebe stern-Leser! "Ich werbe ganz persönlich für mich", sagte Joschka Fischer im Wahlkampf.

Liebe stern-Leser!

"Ich werbe auch ganz persönlich für mich", sagte Joschka Fischer im Wahlkampf. "Ich möchte vier Jahre weiter Außenminister bleiben." Das kann er jetzt - und noch viel mehr. Fischer hat nicht nur seinen Traumjob gerettet, sondern die ganze Regierung Schröder und damit das rot-grüne Projekt, das viele schon für tot erklärt hatten.

Nun geht der grüne Superstar stärker denn je in die Koalitionsverhandlungen. Und wie es scheint, wird er sich in den nächsten Jahren nicht mehr auf die Rolle des Außenministers beschränken, der rastlos um dem Globus reist, um den Weltfrieden zu retten. Joschka Fischer will sich als Vizekanzler auch in die Niederungen der Innenpolitik begeben und Druck machen für Reformen.

stern-Redakteur Tilman Gerwien, der Fischer seit Jahren begleitet und beobachtet, beschreibt in diesem Heft die neue Macht des "heimlichen Kanzlers", der sich aber bescheiden gibt und nicht an der Kleiderordnung rüttelt. Fischer nennt Gerhard Schröder im Interview mit dem stern sogar seinen "Chef".

Die beiden sind politische Partner, aber keine persönlichen Freunde. Fischer weiß, dass der Machtmensch Schröder eigentlich keinen Konkurrenten neben sich duldet. Den Kanzler wurmt es, dass sein grüner Vize seit Jahren Deutschlands beliebtester Politiker ist. 75 Prozent der Menschen wünschen sich "eine wichtigere Rolle" für Joschka Fischer.

Seiner Popularität schadete auch nicht, dass der stern im Januar 2001 Bilder veröffentlichte, die zeigten, wie ein behelmter Joschka Fischer 1973 nach einer Demo in Frankfurt auf einen Polizisten einprügelte. "Ja, ich war militant", gab er zu und schilderte glaubhaft seine Abkehr von Gewalt.

In Fischers Biografie gibt es viele Brüche und Rollenwechsel: dicker Turnschuhminister und dünner Marathonläufer, überzeugter Kriegsgegner und treuer Mitstreiter im "Kampf gegen den Terror". Einige Mitstreiter von früher werfen ihm Verrat von Idealen vor. Doch ohne Fischer wären die Grünen heute am Ende und Stoiber an der Macht. Wäre das besser?

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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