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Editorial: Raucher und Pharmaindustrie im Abseits

Liebe stern-Leser!

Am 12 Oktober beschloss ich, mir nie wieder eine Zigarette anzuzünden. Bis dahin hatte der Rauch von 20 bis 30 Glimmstängeln täglich meine Lungen gefüllt. Und weil ich selbst mal einer war, kann ich einigermaßen nachempfinden, wie Rauchern zumute ist, die sich durch die jetzt erlassenen Verbote der Gesetzgeber gegängelt fühlen. Sie werden verbannt in Raucher-Ghettos, geächtet von vielen Nichtrauchern. Wer raucht, gilt als Verlierer. Das ist unangenehm für die Nikotinabhängigen, wie stern-Redakteur Markus Götting in unserer Titelgeschichte beschreibt.

Raucher machen sich mehr denn je zu sozialen Außenseitern, weil sie ihre mItmenschen rücksichtslos vergiften. Heute sterben in Deutschland jedes Jahr mehr als 100.000 Menschen durch Tabakkonsum, 3300 durch Passivrauchen - eine Zahl, die den Gestzgeber zu Recht alamiert hat. Endlich! Die rauchverbote sind vor allem deshalb wertvoll, weil auch Jugendlichen das ungehinderte Rauchen erschwert wird - Restaurants, Bahnen und Discos sind tabu. Durchschlagender wäre es jedoch, die Tabaksteuer weiter drastisch anzuheben. Wenn eine Schachtel zehn Euro kostet, werden vor allem junge Leute das Qualmen eindämmen. Der Drang zum Sparen ist stärker als der Wille, das Rauchen aufzugeben.

Für die Aufdeckung des Ratiopharm-Skandals und die Enttarnung dubioser Pharmaagenten wurde stern-Redakteur Markus Grill, 39, bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit zwei Nominierungen für den Henri Nannen Preis, wichstigste Auszeichnug für deutschsprachigen Printjournalismus. Im vergangenen halben jahr hat Grill sich freigenommen und ein grundsätzliches Buch über Korruption im Medizinbetrieb geschrieben. Es erscheint kommende Woche unter dem Titel "Kranke Geschäfte. Wie die Pharmaindustrie uns manipuliert". Wir veröffentlichen vorab brisante Recherchen aus seinem Buch: über Pharmaschleichwerbung in der ARD-Klinikserie "In aller Freundschaft", über Ärzte, die mit angeblichen Fortbildungsreisen in Ferienparadise geködert werden, oder über Firmen, die Ärzten iPods, DVD-Player und Laptops schenken, wenn diese ihre Medikamente verordnen. Für Nichtmediziner ist es nahezu unfassbar, wie sehr die Pharmakonzerne das Gesundheitswesen im Griff haben: Ärzte verschrieben bestimmte Präparate, obwohl es ebenso wirksame, billigere Alternativen gibt. Politiker werden unter Druck gesetzt, um die Wünsche der Pharmaindustrie zu erfüllen, Professoren werden für positiveBeurteilungen von Medikamenten, die sie noch nie getestet haben, großzügig entlohnt. Selbsthilfegruppen werden unterwandert, um die Nachfrage nach bestimmten Produkten anzukurbeln. Für sein Buch hat Markus Grill minutiös recherchiert und mit zahlreichen Medizinprofessoren, Ärzten und Pharmareferenten gesprochen. Das Ergebnis ist ein umfassender Bericht über Seilschaften und die Manipulationspraxis der Pillenkonzerne.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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