Editorial Seniorenheim Deutschland

Liebe stern-Leser!

Die Vertrauensfrage ist nur eine Frage von vielen, die das politische Personal der Republik in diesen Tagen umtreibt. Als da wären: Mehrwertsteuer erhöhen oder nicht? Den Flächentarifvertrag knacken? Unternehmenssteuer senken, Reichensteuer einführen, Drei-Stufen-Tarif für die Einkommensteuer? Alles auf einen Bierdeckel? Solche Wahlkampfdebatten sind nicht unwichtig. Aber wirklich wichtig ist dies: Im Jahr 2035 werden die Deutschen das Volk mit dem höchsten Durchschnittsalter weltweit sein!! Diese Tatsache ist die Wurzel des Jammerkrauts, das in Deutschland wuchert. Die meisten unserer Probleme - beispielsweise das komplett umlagenfinanzierte Sozialsystem - hängen mit der schwächelnden Geburtenrate zusammen. Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Rentner und Pensionäre ernähren. Die Implosion des Landes droht, eine in Millionenschritten abnehmende Bevölkerungszahl bedeutet schwindende Nachfrage. Das Wachstum bleibt aus. Seit Jahren ist dieses Szenarium bekannt. Dennoch gibt es keinen Politikentwurf, der mit aller Kraft gegensteuert. Denn das würde Konzepte erfordern, die über mehrere Legislaturperioden angelegt sind, was Politikern bekanntlich schwer fällt. Lieber sind ihnen Entscheidungen, deren Ernte noch vor der nächsten Wahl in die Scheuer fährt.

Unsere Titelgeschichte ist nur ein weiterer Weckruf an die Politik. Ganz gleich, wer dieses Land künftig regiert, egal, ob die Mehrwertsteuer nun um zwei oder vier Prozent klettert - die so genannte Reproduktionsverweigerung ist das entscheidende Zukunftsthema. Lösungen, bei denen junge Frauen risikolos und selbstverständlich Kind plus Beruf vereinen können, lassen sich in unseren Nachbarländern besichtigen, wie stern-Autorin Stefanie Rosenkranz in ihrem Bericht zeigt. Beispielsweise in Frankreich, wo ein Großteil der milliardenschweren Familienförderung in die Finanzierung von Krippen, Tagesmüttern und Haushaltshilfen fließt. Rosenkranz ist mit den Verhältnissen in der Grande Nation bestens vertraut. Sie war stern-Korrespondentin in Paris, ihre Kinder kamen dort zur Welt, "und hätte ich damals nicht in Frankreich gelebt, hätte ich wahrscheinlich nicht zwei, sondern null Kinder. Als ich nach Hamburg zurückkam, erschien es mir, als sei ich in puncto Kinderbetreuung vom Paradies in die Hölle gekommen. Die Krippe, die wir nach endlosem Herumsuchen für meine kleine Tochter fanden, war im Vergleich zur Pariser ,crèche" tatsächlich eher ein Aufbewahrungsort. Aber berufstätige Mütter in Deutschland müssen demütig sein - schließlich haben sie keine Auswahl". Kinder gehören in Frankreich zum Leben, man macht sich weit weniger Sorgen um sie als in Deutschland, sondern rechnet einfach mit ihnen. Und mit ihren Müttern - und zwar nicht in einer Stillgruppe und auch nicht in einer Schlange vor dem Sozialamt, sondern am Arbeitsplatz.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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