Der Überläufer
Eine ziemlich kluger Kriegsfilm

  • von Eric Leimann
Im polnischen Wald voller Feinde: der deutsche Soldat Walter Proska (Jannis Niewöhner) in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.
Im polnischen Wald voller Feinde: der deutsche Soldat Walter Proska (Jannis Niewöhner) in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.
© ZDF/NDR/Dreamtool Entertainment
2020 zeigte Das Erste die zweiteilige Verfilmung von Siegfried Lenz' frühem Kriegsroman "Der Überläufer" von 1951. Erst nach dem Tod des Schriftstellers tauchte das Werk in der Schublade des Verstorbenen auf. Die sehenswerte Verfilmung mit Jannis Niewöhner läuft zum 100. Geburtstag von Siegfried Lenz.

Fast 81 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und Europa vergangen. Von eben jenen Tagen und Wochen rund um den endgültigen Zusammenbruch des "Dritten Reiches" erzählt der zweiteilige Film "Der Überläufer" nach einem frühen Roman von Siegfried Lenz. 3sat wiederholt das sehenswerte Kriegsepos zum Geburtstag von Siegfried Lenz, der am 17. März 100 Jahre alt geworden wäre. Nicht aus dem Führerbunker oder aus der Perspektive sonstiger Kriegsstrategen berichtet Lenz' 1951 als zu heikel vom Verlag abgelehnte Romanvorlage, sondern aus Sicht des jungen Soldaten Walter Proska (Jannis Niewöhner). Kurz vor Kriegsende wird er vom heimischen Bauernhof noch ein letztes Mal an die Ostfront geholt.

Unterwegs lernt er die junge Polin Wanda (Małgorzata Mikołajczak) kennen. Es entstehen zarte, scheinbar flüchtige Liebesbande – verbotenerweise natürlich. Wahrscheinlich wird Walter Wanda ohnehin nie wieder sehen, denkt er sich. Vor allem, nachdem er alsbald bei einer surreal anmutenden, letzten deutschen Verteidigungseinheit landet, die in einem polnischen Wald vom brutalen Unteroffizier Willi Stehauf (Rainer Bock) geleitet wird. Die versprengte, fast möchte man sagen verwahrloste Truppe erinnert an die letzte Stunde des Filmmeisterwerks Apocalypse Now, als der Wahnsinn des Krieges immer tiefere Spuren bei dessen (filmischen) Personal hinterlässt.

Wie kann man weiterleben?

Im ersten Teil des Kriegsfilms sieht man Walter Proska im polnischen Wald beim Überlebenskampf mit seinen Kameraden zu – dem Kommunisten Wolfgang Kürschner (Sebastian Urzendowsky), Hühnerfreund "Baffi" Ellerbrok (Bjarne Mädel) und anderen Verzweifelten. Die Truppe hat eigentlich keine Chance. Im Wald wimmelt es nur so von polnischen Partisanen. Auch die Rote Armee rückt immer näher.

Während Teil eins in einem langsamen, manchmal an Terrence Malicks poetischen Kriegsfilm "Der schmale Grat" erinnernden Erzähltempo mit vielen Naturbildern vor sich hin mäandert, gerät die Fortsetzung fast schon zum (klugen) Action-Film. Walter wird, so verrät es der Titel bereits, zur Roten Armee überlaufen. Ab diesem Moment muss er sich vor sich selbst, den neuen Freunden und alten Kameraden rechtfertigen. Wie kann man weiterleben, nachdem man größtmögliche Schuld auf sich geladen hat? Und gibt es überhaupt noch "das Richtige" in einer Welt, in der alle Werte aus den Fugen geraten sind und es nur noch ums Überleben geht?

Der "verlorene" Romans von Siegfried Lenz

Es sind jene Themen, die den jungen Siegfried Lenz in seinem Roman beschäftigten. Zu brisant, fand der Verlag – auch im Sinne der Karriere des jungen Autors. Von der Schuld hatten die Deutschen Anfang der 50-er bekanntlich erst mal genug. Lenz war 1951 gerade einmal 25 Jahre alt. 2016, zwei Jahre nach seinem Tod, wurde sein "verlorener" Roman von Kritikern und Feuilletons mit Lob überschüttet. Präzise und durchaus soghaft beschrieb der junge Lenz einen ebenso jungen Soldaten, der keine klare Haltung, keine Position verteidigt, und der wohl gerade deshalb Anfang der 50-er eine enorm provokante Figur gewesen wäre.

Die Verfilmung der Drehbuchautoren Bernd Lange ("Das Verschwinden") und Florian Gallenberger (auch Regie) findet die richtige Mischung aus teils kinoreifen Bildern, starken Dialogen und einer spannenden, weil niemals vorhersehbaren Handlung. Jannis Niewöhner zeigt wieder einmal eine starke Leistung, ebenso wie die polnische Schauspielerin Małgorzata Mikołajczak, die man getrost als Entdeckung feiern kann. In kleineren Rollen sieht man bekannte Gesichter wie Ulrich Tukur, Katharina Schüttler, Florian Lukas und Leonie Benesch. "Der Überläufer" ist kein Film, der einen sofort mit seiner Genialität überrollt, aber er gräbt sich mit seiner bitteren, apokalyptischen Kriegsende-Geschichte in die Matrix des Zuschauers ein.

Im Anschluss an den Zweiteiler zeigt 3sat um 23.05 Uhr noch eine Lenz-Verfilmung: "Der Verlust", ein Beziehungsdrama von 2014, das ebenfalls mit einem tollen Cast aufwartet. Es spielen: Ina Weisse, Heino Ferch, Fritzi Haberlandt, Margarita Broich, Hans-Jochen Wagner und Meret Becker.

Der Überläufer (1) – Fr. 20.03. – 3sat: 20.15 Uhr

TELESCHAU

Mehr zum Thema