Kuckuckskinder "Die Wahrheit ist langfristig leichter"

Es kommt immer wieder vor, dass Frauen ihrem Partner ein Kind unterschieben. Paartherapeut Peter Thiel schildert, wie es solchen Familien ergeht - und warum auch die Kinder die Wahrheit kennen müssen.

Herr Thiel, was bringt eine Frau dazu, ihrem Mann ein Kind von einem anderen unterzuschieben?
Grundsätzlich ist es selten eine gute Lösung, dem Partner nicht die Wahrheit zu sagen. Dennoch hat die Frau auch Gründe für ihre Entscheidung. Sie möchte vielleicht die bestehende Familie erhalten, ihrem Mann die Kränkung ersparen oder sie hat Angst, verlassen zu werden. Vielleicht ist sie auch wirtschaftlich vom Mann abhängig. Deshalb hält sie es für die beste Lösung für alle, den Seitensprung zu verschweigen: Was der Mann nicht weiß, macht ihn nicht heiß.

Kann das gutgehen?
Nein. Für die Frau bedeutet es, dass sie jahrzehntelang eine Lüge aufrecht erhalten muss. Das kostet sie enorme Kraft. Auch für die Beziehung ist es eine Belastung. Sagt die Frau hingegen die Wahrheit, riskiert sie natürlich, dass sie tatsächlich verlassen wird. Nach meiner Erfahrung gab es dann aber oft vorher schon andere Konflikte. Sie hat aber auch die Chance, dass der Mann die Ehe ebenfalls erhalten möchte und deshalb das Kind akzeptiert. Ich kenne durchaus Familien, die da eine Lösung gefunden haben, auch unter Einbeziehung des biologischen Vaters. Dazu kann allerdings fachliche Hilfe nötig sein.

Gehört zu einer Lüge nicht auch immer der, der sie glauben möchte?
Warum sollte der Mann Verdacht schöpfen, wenn das Kind nicht gerade auffällig anders aussieht? Es gibt natürlich Fälle, in denen es relativ offensichtlich ist, der Mann es aber nicht wahrhaben möchte. Oft hat er schon länger einen Verdacht, unterdrückt diesen aber, weil er die Ehe erhalten möchte. Wenn diese dann bröckelt, kommt der Verdacht wieder hoch, und der Mann möchte Gewissheit.

Warum ist es für Männer so wichtig, dass das Kind, das sie doch lieben, die eigenen Gene trägt?
Es geht nicht vorrangig um die Gene - das zeigen all die Männer und Frauen, die in Patchworkfamilien die Kinder ihres Partners mit großziehen. Aber wir Menschen, Männer wie Frauen, haben das Urbedürfnis, Entscheidungen selbst zu treffen. Deshalb ist die Wut von "Kuckucksvätern" verständlich. Durch das Verschweigen hat die Frau über den Mann bestimmt und ihm nicht die Wahl gelassen, wie er mit der Situation umgehen möchte. Auch der biologische Vater wurde um die Entscheidung betrogen, wenn er erst nach 20, 30 Jahren erfährt, dass er ein Kind hat. Viele bedauern das dann und versuchen noch eine Beziehung aufzubauen.

Muss das Kind unbedingt die Wahrheit erfahren?
Ja. Das Kind spürt, dass etwas nicht stimmt. Unklare, widersprüchliche Verhältnisse sind eine große Gefahr für seine psychische Entwicklung. Und oft kommt die Lüge später doch irgendwann heraus. Deshalb rate ich, dem Kind spätestens im Grundschulalter die Wahrheit zu sagen. In der Kindheit und Jugend baut der Mensch seine Identität auf. Dazu gehört auch das Wissen, wo man herkommt. Wenn ein Kind erst mit 30, 40 Jahren erfährt, dass es einen anderen Vater hat, bricht ein großer Teil dieser Identität zusammen. Manche stürzt das in eine Krise, aus der sie nur mit psychotherapeutischer Hilfe wieder heraus finden.

Aber belastet das Wissen um einen fremden Vater nicht auch das Kind?
Wenn das Kind mit sechs, sieben Jahren erfährt, mein Vater ist nicht mein leiblicher Vater, aber er hat mich trotzdem weiter lieb, dann kann es das verarbeiten. Zumal ja heute in Patchworkfamilien viele Kinder mit einem Mann leben, der nicht ihr biologischer Vater ist. Das Kind wird natürlich wissen wollen, wer der echte Vater ist. Auch da hat es ein Recht auf die Wahrheit.

Verlangen Sie nicht zu viel von den betroffenen Frauen und Paaren?
Ein Familiengeheimnis verlangt ihnen viel mehr ab! Nur ist das vielen am Anfang nicht klar. Wenn der Druck dann immer größer wird, sind schon Jahre vergangen und es ist ungleich schwieriger, die Situation zu klären. Denn dann kommt zum Seitensprung noch der Vorwurf: Wie konntest du mir das verschweigen? Die Wahrheit ist langfristig leichter.

Heike Dierbach

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