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Bareback-Sex: Wie Schwule mit ihrem Leben spielen

Für Sex ohne Kondom gehen schwule Männer das Risiko einer HIV-Infektion ein. "Barebacking" wird der ungeschützte Verkehr in der Schwulenszene genannt. Was reizt gesunde junge Männer an dieser Form des "Russisch Roulette"?

Von Nadine Michel

Als Roland erfuhr, dass er HIV-positiv ist, hat ihn das nicht schockiert. Er war damals 16 Jahre alt. "Ich bin das Risiko bewusst eingegangen und bereue nichts", sagt er. Auf Sex mit Kondom hatte Roland noch nie Lust. "Ich habe mich mit dem Thema HIV vorher auseinandergesetzt und war zu dem Schluss gekommen, dass ich damit gut leben kann", sagt er. Lediglich in den Tagen vor dem Testergebnis habe sich der heute 34-Jährige den Kopf zerbrochen, ob er nun positiv oder negativ sei. "Aber letztendlich habe ich dadurch keine Einschränkungen erlitten." Ungeschützter Sex mit häufig wechselnden Männern - für Roland ist das eine Frage der Lebenseinstellung. "Ich stehe zu dem, was ich mache: mein eigenes Leben führen", sagt er. "Mein Sexleben habe ich damals genossen und genieße es noch heute."

Inzwischen hat sich eine Bareback-Szene entwickelt

Roland ist ein Barebacker. Übersetzt heißt "bare back": ohne Sattel reiten. Ursprünglich wurde mit dem Begriff nur ungeschützter Sex unter Männern bezeichnet, die wissen, dass sie bereits mit HIV infiziert sind. Heute versteht man unter dem Ausdruck oft allgemein Sex ohne Kondom, entweder unter HIV-Positiven oder mit dem bewussten Risiko einer Infektion. Inzwischen hat sich eine eigene Bareback-Szene entwickelt. Sie trifft sich auf speziellen Partys, in Schwulen-Saunen oder kontaktiert sich über Chatforen, etwa auf der Internetseite barebackcity.de. Ein Klick auf eine der Kontaktanzeigen genügt, um einen Eindruck zu gewinnen: "14 Uhr im Badehaus in Köln, barefickbereit."

Roland ist es egal, ob seine Sexpartner HIV-positiv oder -negativ sind. Auch, ob er jemanden ansteckt, wenn derjenige das Risiko kennt. Entscheidend sei für ihn nur, im Vorfeld mit seinem Gegenüber zu klären, worum es geht. "Bei den meisten Schwulen, die ich kenne, ist es einfach nur Faulheit, kein Kondom zu benutzen. Viele wollen einfach nur Spaß beim Sex und wissen nicht über die Risiken Bescheid", sagt er. "Dann blocke ich die ganze Geschichte ab. Das ist mir zu gefährlich und zu kompliziert."

Barebacking gilt als Randphänomen

Wie viele Barebacker es gibt, kann niemand genau sagen. Für die Deutsche Aids-Hilfe ist es ein Randphänomen, auch in der Schwulen-Szene. Bei einem Vortrag Anfang dieses Jahres betonte Mitarbeiter Dirk Sander, dass die Motivation, sich zu schützen, unter schwulen und bisexuellen Männern auch nach 20 Jahren "Safer-Sex-Kampagne" sehr hoch sei. Zudem mahnt Sander zu einer differenzierten Betrachtung des Barebackings. Es sei ursprünglich als verantwortungsvolle Strategie HIV-Positiver gedacht gewesen. "Sie wollten barrierefreie Sexualität erleben und diese Wünsche mit gleichfalls HIV-positiven Partnern oder Partnerinnen umsetzen." Sie hätten die Nase voll davon gehabt, dass sich HIV-Negative oder Ungetestete nach einem Outing von ihnen abgewandt hätten.

Daniel weiß nicht, ob er HIV-positiv oder -negativ ist. Es spiele für ihn aber auch kaum eine Rolle. "Ich habe als Schwuler nichts zu verlieren. Ich werde keine Kinder haben, keine Familie, nur die jungen Jahre, in denen ich Spaß haben kann", sagt er. "Mit 30 oder 40 gelte ich in der Szene als alt. Ich bin jetzt 25 - was habe ich anderes zu verlieren als mein Altwerden?!" Daniel betreibt Barebacking in seiner Beziehung. Denn ob sein Partner HIV-infiziert ist, weiß er ebenfalls nicht. Beide verzichten auf Prävention und wollen mit der Ungewissheit leben. "Ich mache mir zwar schon Gedanken über meine Gesundheit, aber auf jeden Fall weniger, als wenn ich wüsste, dass ich positiv bin", sagt der 25-Jährige. Viele seiner Bekannten seien infiziert und würden unter dieser Gewissheit leiden - dann lieber im Ungewissen bleiben, findet Daniel.

Einmal HIV, immer HIV

"Solche Meinungen tauchen immer wieder mal auf. Früher noch mehr als heute", berichtet Jörg Korell von seinen Erfahrungen. Er leitet die Hamburger Aids-Hilfe. Auch wenn jemand behaupte, er habe das Risiko abgewägt, spielten oft "Mythen und Legenden" eine Rolle. "Deshalb dürfen wir in der Präventionsarbeit nicht nachlassen." Inzwischen seien Mitarbeiter des Vereins selbst in Internetportalen wie gayromeo.de mit eigenen Profilen vertreten, um sich in Gespräche einmischen zu können. "Fest steht: Aids ist auch heute noch eine tödliche Krankheit. Egal, ob jemand mit Medikamenten gut lebt oder nicht - einmal HIV, immer HIV", sagt Korell.

Seit John* mit 16 zum ersten Mal Sex hatte, führt er ein Doppelleben. "Ein Internetprofil auf einer Schwulenplattform legt meine sexuellen Fantasien offen und ist ein reines Sexprofil, damit ich meine Sexpartner finde", sagt er. "Meine Freunde wissen davon nichts, von meiner Familie ganz zu schweigen." John hatte in seinem Leben schon mit vielen Männern Sex: "Manchmal fünf verschiedene Typen an einem Tag, nacheinander", sagt er. Nicht immer sei es dabei safe zugegangen: "Ich kannte das Wort, ich wusste, was es bedeuten würde, wenn ich kein Kondom benutze, aber ich habe mich nie getraut, eines rauszuholen. Ich habe immer darauf gewartet, dass der andere es tut." Seiner Meinung nach würden auch Drogen in der Bareback-Szene eine Rolle spielen. "Durch die Drogen verlierst du deine Hemmungen und legst deine Ängste ab."Vor wenigen Monaten hat sich ein Freund von John mit HIV angesteckt. "Als ich das erfuhr, war ich nicht geschockt", sagt John. "Mein Freund kann endlich all das tun, was er will." Vor allem beneide John ihn darum, im Kopf frei zu sein. Vor einem Monat hat John selbst einen Aids-Test machen lassen. Das Ergebnis: negativ.

*Name von der Redaktion geändert

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