Bordell-Streit Sex für Behinderte oder Nobelpuff?


In dem niederländischen Dörfchen Ten Esschen nördlich von Aachen wütet ein Streit unter den Einwohnern - es geht um ein geplantes Bordell. Doch nicht ein Freudenhaus im ursprünglichen Sinne erregt die Gemüter, sondern ein Sexhaus für körperlich Behinderte. Genauer gesagt, ob ein Betrug dahinter steckt.
Albert Eikenaar

Mit 63 Wohnungen und ganzen 184 Einwohnern ist die südniederländische Siedlung Ten Esschen nördlich von Aachen nicht mehr als ein winziger Fleck auf der Landkarte. Trotzdem ist Ten Esschen das Gespräch des Tages in Holland, weit über seine Ortsgrenzen hinaus. Und das aus einem besonderen Grund: Der Amsterdamer Geschäftsmann Hans Rieteco will aus dem alten, vergammelten Bauernhof De Struyver, aus dem Jahre 1742, ein Luxusbordell machen - und zwar einen Puff speziell für Behinderte.

Doch die katholische Nachbarnschaft traut den angeblichen Plänen des Bauherrn nicht. Man vermutet, dass Rieteco dort ein normales, kommerzielles Sexvergnügungszentrum einrichtet.

Therapiezentrum oder Edelpuff?

Das hätte er schon früher mal erfolglos versucht. Nol Vincken führt den Aufstand der Alteingesessenen an. "Rieteco behauptet, dass er den alten Bauernhof in eine Art sexuelles Gesundheitszentrum für Behinderte umwandelt. Dazu braucht er zwar eine Genehmigung, die würde er aber ohne Probleme erhalten", sagt Vincken. Für einen traditionellen Puff würde er jedoch nicht ohne weiteres eine Zustimmung bekommen. Vincken befürchtet, dass der Geschäftsmann deswegen zuerst die Behinderten lockt, später dann klammheimlich die Dienste seiner Mädels auch "normalen" Kunden anbietet.

Gegen ein Sexhaus für ausschließlich Behinderte hätte die Bürgerinitiative übrigens nichts einzuwenden. "Wir wehren uns lediglich gegen ein Bordell, das die falschen Leute anzieht - Frauenhändler, Drogenschmuggler, Geldwäscher und andere fremde Typen, die die idyllische Umgebung verunsichern", so Vincken.

Der Kommunalrat der Stadt Heerlen muss nun entscheiden, ob De Struyver eine Sexeinrichtung für Jedermann sein soll oder ob sie tatsächlich nur dem sexuellen Wohlbefinden der Behinderten dienen wird.

Ein Recht auf Sex

De Struyver wäre nicht das erste Sexhaus in den Niederlanden für Menschen die körperlich nicht imstande sind, "die Tat" selbst aus eigener Kraft zu vollbringen. Es war Henk van Kooperen, Einwohner eines Arnheimer Pflegeheims, der sich 1985 erstmals sexuelle Freiheit erkämpfte. Das machte weltweit Schlagzeilen.

Weil er keine mitfühlende Partnerin hatte und sich doch nach "Verkehr" sehnte, bestellte er ein Mädchen aus dem Arnheimer Rotlichtviertel auf sein Zimmer. Seine Sozialhilfe war nicht ausreichend, um einmal im Monat so ein Schäferstündchen selbst zu bezahlen. Van Kooperen forderte also das Honorar von der Gemeinde zurück. Er gewann den Rechtsstreit unter dem Motto: "Sex ist ein Menschenrecht".

Ausbildung zur Sexualtherapeutin

Seitdem gehört ein vom Staat bezahltes Sexleben für Behinderte in den Niederlanden zum Alltag. Das wird großzügig und führsorglich gehandhabt und keineswegs prüde.

Es gibt inzwischen Frauen und Mädchen, die aus idealistischen Gründen Menschen mit einer ernsthafen physischen Einschränkung sexuell verwöhnen wollen und nicht mehr als das Reisegeld dafür verlangen. Das gibt auf der anderen Seite dem behinderten Mann ein selbstsicheres, besseres Gefühl, weil nicht direkt von käuflicher Liebe die Rede ist. Sex mit einer Person, die nur noch einen Arm oder ein Bein hat oder sogar querschnittsgelähmt ist, ist nicht leicht.

Von der Uni ins Bordell

Die Rotterdamer Erasmusuniversität entwickelte daraufhin erstmals eine Spezialausbildung für Frauen und Männer, die als Begleitservice Körperbehinderte besuchen. Diese Workshops gelten als eine internationale Neuheit. Es sind angesehene Sexualtherapeuten, Psychologen und Physiologen, die ihre Kenntnisse vermitteln und praktische Hinweise geben.

Die Teilnehmer werden im Umgang mit Prothesen und medizinischen Geräten trainiert. Sie lernen dort auch den richtigen Griff, um einen Schwerbeschädigten, wenn nötig, aus seinem Bett zu heben. Zudem wurde unterrichtet, wie man im Rollstuhl doch Sex haben kann. Auch psychologische Aspekte stehen auf dem Programm. Sex mit Behinderten ist von beiden Seiten mit tiefen Emotionen verbunden.

Geborgenheit ist wichtiger als der Akt selbst

Die Erasmusuniversität stellte inzwischen fest, dass der Kurs sinnvoll ist und dass sie auch den Frauen, die sich manchmal unentgeltlich hingeben, tatsächlich hilft, ihre Arbeit besser zu erledigen.

"Ich weiß jetzt erst, mit welchen Hemmungen und Verspannungen ein behinderter Mann zu kämpfen hat, der mit einer gesunden Frau schläft", sagte eine der Begleithostessen zu stern.de. Zuerst müsse er sich sicher und geborgen fühlen. Es dürfe kein technischer Akt werden und es solle sich von Anfang an eine gewisse Intimität entwickeln. Dann laufe der Kontakt menschlicher, spontaner ab. "Dass dafür Spesen abgerechnet werden ist Nebensache".


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker