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Eifersucht: Achtung, fremde Spermien

Sexualität dient dem Erhalt der eigenen Gene, Seitensprünge bedrohen die Sippe. Die Eifersucht als Urinstinkt dient dem Schutz der eigenen Brut.

"Liebe ohne Eifersucht", hat der texanische Psychologieprofessor David Buss vor zwei Jahren dekretiert, "ist keine Liebe." Buss und einige Kollegen wollen aus der Biologie des Menschen heraus erklären, warum jeder Mensch, egal aus welcher Kultur, Eifersucht empfinden kann. Neuere Studien belegen: Bei allen Völkern werden Partner sexuell und emotional monopolisiert, gerät man über deren (vermeintliche) Untreue in höchste Rage oder versinkt in Depression. Eifersucht fällt damit in die Klasse der "human universals", wie Angst, Hass oder Zorn.

Buss und seine Mitstreiter suchen den Grund dafür in der menschlichen Stammesgeschichte. Sie sind Evolutionspsychologen, Vertreter einer jungen Forschungsrichtung, die unsere Emotionen und Instinkte als Produkte darwinscher Selektion erklärt. Unter dieser Annahme lässt sich ein stringentes Erklärungsmodell für die Eifersucht bauen. Die, sagt Buss, sei eine sinnvolle evolutionäre Anpassung.

Der Schlüssel zur Eifersucht

liegt in einer für jeden Biologen vollkommen banalen Einsicht: Sexualität dient der Fortpflanzung. Die erotische Liebe entstand als Gehilfin des Selbsterhaltungsprogramms unserer Gene. Angenehme Nebenwirkungen sind dadurch nicht ausgeschlossen. Sie sind sogar erwünscht. Ohne Belohnung tut der Mensch nichts.

Die komplexe Fortpflanzungsstrategie des Menschen stellt besondere Herausforderungen: Eine davon liegt in der im Verborgenen stattfindenden Befruchtung der Eizelle. Eine weitere ist der ungeheure Aufwand und Ressourcenverbrauch, den unsereiner (im Gegensatz zum, sagen wir, Karnickel) treibt, um den Nachwuchs großzuziehen. Darin liegt ein Dilemma für das Homo-sapiens-Männchen. Wenn es nicht aufpasst, dass sich während der fruchtbaren Tage seiner Partnerin einzig und allein seine eigenen Spermien auf den Weg zu deren Eizelle machen können, dann ist es möglich, dass es fortan jahrelang jagt und sammelt, um ein Kuckuckskind zu mästen. Das ist in Bezug auf den Erhalt der eigenen Gene - dem letztlichen Seinszweck eines biologischen Organismus - äußerst ärgerlich.

Daher geht die evolutionär-psychologische Theorie davon aus, hierin eine gute Begründung für die männliche Eifersucht gefunden zu haben. Bei einigen Säugetierspezies äußert sich das Prinzip darin, dass ein neuer männlichen Partner die Kinder seiner Partnerin "aus erster Ehe" tötet, damit alle Ressourcen zur Pflege der eigenen Brut genutzt werden können.

Während also Männern

in der Tiefe ihrer Psyche die Vorstellung, ihre Partnerin könnte sexuell untreu sein (feindliche Spermien!), größtes Unbehagen verursachen sollte, geht die evolutionspsychologische Theorie davon aus, dass Frauen sich mehr vor der emotionalen Untreue des Partners fürchten. Sie sollten demnach eher gewillt sein, einen Seitensprung zu verzeihen als die Tatsache, dass der Gatte eine tiefe Seelenfreundschaft zu einer anderen Frau entwickelt. Darin nämlich liegt die Gefahr, dass der Mann die gemeinsamen wirtschaftlichen Ressourcen in andere Kanäle lenkt: etwa, um für seine Geliebte ein Apartment anzumieten oder Pelzmäntel zu kaufen, statt den ehelichen Kindern das Studium zu finanzieren.

Buss und seine Kollegen wollen durch viele Befragungsexperimente diesen Wesensunterschied zwischen weiblicher und männlicher Eifersucht bewiesen haben. Doch gerade darum tobt zurzeit ein erbitterter Streit. Einig sind sich die meisten neueren Forschungen indes im Grundsätzlichen: Eifersucht ist eine normale menschliche Regung, kein pathologischer Zustand. Denn kann man einem Partner, der niemals auch nur die geringste Eifersuchtsregung zeigt, auch trauen?

Christoph Koch
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