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Erotikmessen: Männer von der Venus

Bei der Vergabe der Venus-Awards feiert die Erotikbranche ein rauschendes Fest. Drag Queen Olivia Jones führt durch den Abend und eröffnet das "lebende Buffet".

Von Björn Erichsen und Sabina Riester (Fotos)

Dritter und letzter Teil

Am Abend vor dem ersten Besuchertag feiert sich die Branche mit einer großen Gala selbst. 800 Gäste finden in der eigens frei geräumten Messehalle Platz und haben sich fein rausgeputzt. Oder besser, kleiden sich dem Anlass angemessen: Die Damen warten auf in einem Hauch von Abendkleid, tiefste Ausschnitte und freie Rücken wohin man blickt. Ebenfalls gern getragen: Das transparente Nylon-Top. Bei den Herren ist viel Gel im Spiel, kaum ein renitentes Haar, das nicht per Pomade auf Linie gezwungen wurde. Dazu blitzt es golden, überall Ketten, Ringe, Ohrringe, im starken Kontrast zum Schwarz der Anzüge, meistens aus Samt.

Auf dem Programm steht die Verleihung der "Venus Awards". Mit dieser als "Porno-Oscar" bezeichneten Trophäe werden alle die gewürdigt, die sich seit der letzten Venus um die Branche verdient gemacht haben. Es ist eine Mammutveranstaltung: 53 Preise in 53 Kategorien, 53 Dankesreden. Die schrille Drag Queen Olivia Jones - unfassbare zwei Meter groß und im superkurzen Pinken mit Pailletten - führt auf der Bühne durch den Abend und überragt die Preisträger um Längen. So manchen Versprecher überspielt sie gekonnt mit ihrer androgynen Frohnatur.

Der Applaus fällt eher spärlich aus, als "Bad Ass", "Mutzenbacher" oder "Muschi Video" ihre Awards bekommen. Das Publikum viel zu sehr mit Kalbsbraten, Paella und Creme Catalan beschäftigt. Und natürlich mit sich selbst. Ein bulliger Glatzkopf, als Produzent "richtig fett im Geschäft", wie er mehrfach laut betont, redet sich in Rage. Er klagt über Grauimport aus Osteuropa und "Internet-Spinner", die ihm Umsatz rauben. Seine Begleitung - blond, kaum 20, große Brüste - hängt an seinen Lippen. Etwa nach dem zehnten oder zwölften Glas Whiskey ist er eingenickt, der Stuhl neben ihm ist leer.

"Und nun das lebende Buffet", ruft Olivia Jones von der Bühne und reißt damit das Publikum aus seiner Lethargie. Auf dem Präsentierteller wird eine brünette Schönheit durch die Halle gefahren. Bis auf ihren Slip ist sie nackt, dafür reichlich dekoriert mit Zuckerguss und Schokocreme, viel Sahne und verschiedenen Früchten. Olivia Jones eröffnet das Buffet mit ihrer großen Zunge. Um sie herum hat sich spontan eine Horde Gaffern versammelt, die die Prozession begleiten. Es wird fotografiert, was das Zeug hält, grelles Blitzlicht zuckt durch den Raum. Die junge Frau auf dem Rollwagen hat die Augen geschlossen und zittert am ganzen Leib.

Es ist wie in "Emergency Room", wenn Dr. Carter und sein Team Schwerstverletzte durch die Gänge des County-Hospitals schieben. "Aus dem Weg, das ist ein Notfall, es geht um ihr Leben." Wie gut, dass die Chirurgen nur eine Halle weiter tagen.

"Das Zittern kommt nur von der Körperspannung, es geht ihr gut", beruhigt Nadine, die frisch gekürte "Miss Venus". Sie ist mit dem Dessert befreundet, beide sind sie Tänzerinnen im Berliner Edel-Stripclub "Rush Hour". "Lebendes Buffet ist eigentlich gar kein schlechter Job, das Ganze rauscht an einem vorbei, und es gibt gutes Geld dafür", weiß Nadine. "Nur die Garnierung heute Abend könnte ein wenig netter sein."

Die Dekoration ist als solche nicht mehr zu bezeichnen: Durch die Wärme und die vielen Zungen, die unentwegt über den schlanken Frauenkörper schlecken, hat sich die Schokocreme mit dem aufgeweichten Zuckerguss vermischt. Eine bräunlich schimmernde Soße läuft am Körper des Modells hinunter, eine angebissene Erdbeere liegt auf Höhe ihrer Knie. Ein junger Adonis von "Man´s Art" mit freiem Oberkörper will denoch nicht vom süßen Nachtisch lassen. Immer wieder bringt er vollen Zungeneinsatz, schaut dann stets provozierend in die vielen Kameras. "Der ist doch schwul", ruft jemand aus dem Hintergrund. Doch auch er ist einer von den Männern auf der Venus, die für einen Schnappschuss in der Presse so ziemlich alles abschlecken würden. Sogar Frauen.

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