Bill Henson Apokalyptische Szenarien aus der Dunkelheit


Die zumeist düsteren Bilder des australischen Fotokünstlers Bill Henson wirken wie aus einer imaginären Welt. Seine Motive und sein Umgang mit Licht erinnern dabei stark an die Kunst der Romantik - und den Film noir.

Bill Henson gehört zu den wichtigsten Künstlern Australiens. Er lebt und arbeitet in Sydney. Henson könnte aber auch gut im skandinavischen Winter daheim sein, denn in seinen fotografischen Arbeiten regiert tiefste Nacht. Der Fotokünstler Henson verbringt viel Zeit im Dunkeln: beim Fotografieren und im Anschluss daran beim Entwickeln. Wieder und wieder überarbeitet Henson die Abzüge, bis ihm Helligkeit und Farbe ausgewogen scheinen.

Hensons Bilder sind wie Malerei. Seine Motive, Kompositionen und der metaphorische Umgang mit Licht erinnern beim Betrachten an die Kunst der Romantik. Er schafft dieser Epoche Raum, um sich mitten in den kalten urbanen Landschaften des 20. Jahrhunderts auszudehnen.

Apokalyptische Szenarien

Seine Bilder wirken, als wären sie Dokumentation einer imaginären dunklen Welt, jenseits der bekannten, aber doch irgendwie auch ein Teil von ihr. Er entwirft mit seinen Fotoarbeiten apokalyptische Szenarien, die viele Assoziationen erlauben. Viele seiner Bilder erinnern beim längeren Betrachten an die Welt in Paul Austers Fabel "Im Land der letzten Dinge".

Ein Text mit starken Bezügen zu den Werken von Beckett und Kafka. Zu Beginn der Novelle schreibt Auster: "Dies sind die letzten Dinge. An einem Tag ist ein Haus noch da, am nächsten ist es weg. Gestern ging man über eine Straße, die heute nicht mehr existiert. Auch das Wetter wechselt in einem fort. Regentage folgen Sonnentage, Nebeltage folgen Schneetagen, einmal kühl, einmal warm, erst Wind, dann Flaute, eine Zeit bitterer Kälte, und dann heute, mitten im Winter, ein lieblicher heller Nachmittag, so warm, dass man keinen Mantel mehr braucht." In dieser Kulisse könnten auch viele Bilder von Bill Henson spielen.

Zwischen Tag und Nacht

Der Fotograf Henson erkundet mit seiner Kamera das Niemandsland: Er ist fasziniert von der Zeit zwischen Tag und Nacht, dem Raum zwischen Natur und Zivilisation, der Differenz zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht und dem Spalt zwischen Jugend und Erwachsensein. Bevorzugt arbeitet Henson mit androgyn erscheinenden Teenagern. Oft nackt und im Halbdunkeln scheinen sie auf seinen Fotografien gegen die Anpassung und das Erwachsenwerden anzukämpfen. Auf den ersten Blick wirken die eng in den Bildrahmen gepressten Jugendlichen wie Raupen im Entpuppungsprozess: "Heranwachsende haben dieses alles durchdringende Gefühl der Unsicherheit", sagt Henson, "und darauf richte ich meine Aufmerksamkeit: Sie sind in einem solchen Übergangsstadium."

Viele punktuell beleuchteteten Motive Hensons erinnern an Szenen des Film Noir. Aber die Protagonisten in "Mnemosyne" sind keine kalten Killer, elegante unnahbare Damen oder zwielichtige Detektive, sondern bleiche verletzliche Figuren zwischen Paradies und schwarzer Hölle.

Alle Werkkomplexe Hensons sind jetzt im Bildband "Mnemosyne" aus dem Scalo Verlag versammelt. Der Band erscheint in Verbindung mit der großen Retrospektive des Fotokünstlers in Sydney und Melbourne. Zahlreiche Texte zu den Werken geben dem Betrachter Orientierungshilfe durch dieses opulente Fotobuch. "Mnemosyne" öffnet die Tür zu einer außergewöhnlichen poetischen Bilderwelt: Im Dunkeln der Nacht gibt es viel zu entdecken.

Sabina Riester


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