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Ein Bild und seine Geschichte: Das Comeback des Champions

Als Muhammad Ali 1996 das olympische Feuer von Atlanta entzündet, sind Millionen Zuschauer zu Tränen gerührt. Das unerwartete Comeback der Parkinson-gezeichneten Boxlegende gerät zum Höhepunkt enttäuschender Spiele. Für seine Momentaufnahme hat AP-Fotograf Doug Mills viel riskiert - und gewonnen.

Von Philipp Gülland

Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene - er hat es wieder geschafft. Langsamer ist er geworden, die Hände zittern. Muhammad Ali kämpft, das hat er immer getan: gegen Herausforderer, gegen Vorurteile, für seine Freiheit, gegen die Parkinsonsche Krankheit. Die Nervenerkrankung hat den großen Boxer zusehends in der Versenkung verschwinden lassen, aber heute, am 19. Juli 1996, kehrt er zurück. Alis Auftritt war die große Überraschung des Abends. Die Organisatoren haben die Details der Eröffnungsfeier geheim gehalten - niemand hat mit Muhammad Ali gerechnet. Mit kleinen Schritten schreitet der Champion durch die große Arena. Den Fackelschaft mit beiden Händen umklammert, entfacht er das olympische Feuer und blickt in die Flammen. Doug Mills drückt auf den Auslöser.

Als Ali erscheint, hat Doug Mills bereits Stunden des Wartens hinter sich. Lange vorher hat der AP-Fotograf das Stadion besichtigt und mögliche Perspektiven begutachtet. "Die Organisatoren hatten uns eine Fotoposition zugewiesen. Aber mir war schnell klar, das es woanders ein besseres Bild gab", erinnert sich Mills später. Für seinen Standpunkt hat er zäh verhandelt, Ordner und Sicherheitspersonal überzeugt und dann das OK bekommen. Um die anderen Fotografen nichts von seinem Glück wissen zu lassen, muss Mills vorerst untertauchen. "Ich habe mich hinter der letzten Sitzreihe versteckt", erzählt er, "auf einem Gitter über einem Abluftgebläse. Den größten Teil der Show konnte ich nicht sehen." Mills geht ein Risiko ein. Manchmal könne sich das lohnen: "Selbst wenn es nicht perfekt funktioniert hätte, wäre mein Bild auf jeden Fall anders gewesen."

Bewegender Auftakt einer olympischen Enttäuschung

"Was auch immer passiert, muss an mir vorbei", wiederholt Mills in Gedanken immer wieder. Er wartet, zweifelt und wägt Chancen ab. Schließlich zahlen sich Geduld und Instinkt aus. Mills pokert und gewinnt. Er hat sein Bild, das andere Bild abseits des Rudels. Fotografen, Journalisten und Zuschauer werden Zeugen eines überraschenden, bewegenden Momentes. Das unerwartete Comeback des großen Athleten und Querkopfes ist Auftakt und Sternstunde der 100. Olympischen Spiel der Neuzeit.

Doch das Jubiläum gerät zur Enttäuschung. Hatte bereits im Vorfeld die Entscheidung des IOC gegen Athen als symbolträchtigen Austragungsort der Jahrhundertspiele für Diskussionsstoff gesorgt, versinkt die Großveranstaltung schnell im Chaos. Transport- und Computerprobleme ungeahnten Ausmaßes plagen die Spiele, das Sportfest wird zum Jahrmarkt der Eitelkeiten. Rückblickend unterstellen viele einen Sieg des Kommerzes - Atlanta ist Hauptsitz von Coca-Cola. Es ist Sand im Olympischen Getriebe von Atlanta, so scheint es.

Als im Olympiapark dann auch noch eine Bombe explodiert, zwei Tote und über 100 Verletzte zu beklagen sind, sinkt die Stimmung auf den Tiefpunkt. Atlanta ist auch ein olympisches Experiment: neue Disziplinen wie Beachvolleyball, Softball oder Mountainbikerennen feiern Premiere. Atlanta, das sind Olympische Spiele in der Pubertät; eine Baustelle. Für Muhammad Ali, jenen Mann, der mit dem "Rumble in the Jungle" 1974 in Zaire verblüffte, ist Atlanta Bühne einer weiteren großen Phönix-aus-der-Asche-Szene. Die Spiele von Atlanta sind schnell verdrängt, aber Ali wieder in aller Munde. Die Zeitung "USA Today" wählt den Boxer spontan zum Sportler des Jahres. Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene - er kann es immer noch.