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Ein Bild und seine Geschichte: Kleines Glas - große Träume

Vom Kaffeeimporteur zum großen Surrealisten: Herbert List zählt zu den Wegbereitern der modernen Fotografie. Seine Kamerakunst verfolgt das Metaphysische, so gerät ihm 1937 ein schlichtes Goldfischglas zur Ikone.

Von Philipp Gülland

Er hat es nicht leicht in seiner deutlich zu engen gläsernen Behausung mit Aussicht auf die verlockenden Weiten des Mittelmeers. Inszeniert hat ihn Herbert List, im Glas auf das Balkonsims gestellt, sorgfältig den Bildausschnitt gewählt und dann abgedrückt. Ein Jahrhundertbild und noch dazu emblematisch für die "Fotografia metafisica", jene auf Bauhauslehre, neuer Sachlichkeit und Philosophie fußenden Stilrichtung, der List anhängt. Die Magie hinter den Dingen finden, klassische Ästhetik neu definieren, neues Sehen - ein Spagat zwischen feierlicher Sinnlichkeit, kühlem Verstand und Humor. Eine Gratwanderung zwischen Kalkül und Ekstase. List balanciert mit Leidenschaft, und der Goldfisch - er wirkt gleichermaßen bedrückend wie urkomisch.

Ästhetik zwischen Malerei und Philosophie

Ein wenig entrückt muten sie an, die Bildfindungen des Herbert List - das ist ihnen allen gemein. Sie sind das Werk eines Avantgardisten, die Welt ist ihm eine Bühne auf der es "das Magische der Erscheinung" zu inszenieren gilt: Objekte entwurzeln, in einen neuen Kontext stellen, surreale Begegnungen inszenieren, Realität in Fragmente aufspalten und sie dabei neu erschaffen, das ist der Kern seiner Kunst. List fasst in Bilder, was eigentlich Gedanken vorbehalten ist: abstrakte Philosophie, das Muster hinter den Dingen - metaphysische Fotografien. Er selbst bezeichnet sie als "Visionen."

Der "Visionär" ist in seiner Ästhetik durch und durch Surrealist, klar lassen seine Bilder die Inspiration Dalís, Max Ernsts und Man Rays erkennen. Neues Sehen ist schwer en vogue und bestimmt in den 30er Jahren die Bildsprache vieler junger Fotografen, so auch Lists.

Von Bodenständigkeit und Bohème

Der heute legendäre Avantgardepionier Herbert List beginnt seine Karriere zunächst ganz bodenständig: 1903 als Spross einer Hamburger Kaufmannsfamilie geboren, studiert er zunächst Literaturgeschichte und geht dann im väterlichen Betrieb in die Lehre. Auf Reisen durch die Kaffeeanbaugebiete Südamerikas entdeckt er seine Begeisterung für die Fotografie, wird schließlich von seinem Freund Andreas Feininger - einem bekannten Architekten und Fotografen - unterrichtet und gefördert. 1931 wendet er sich ganz der Fotografie zu, tauscht Bodenständigkeit gegen Bohème. Als Modefotograf arbeitet er in London und Paris für Magazine wie Harper's Bazaar, Vogue und Life, daneben widmet er sich immer wieder seiner geliebten "Fotografia metafisica".

1937 schließlich reist List zusammen mit seinem Kollegen George Hoyningen-Huene nach Griechenland. Kurze Zeit später landet der Goldfisch auf Santorin im Glas. "Der gefangene Fisch in seinem Glas und das offene Meer symbolisieren den Menschen, der sich, an die Erde gefesselt, nie ganz vom Weltlichen befreien kann, und der, obwohl er Ahnungen einer erhabenen Welt hat, doch nie in sie eintauchen kann, weil er ein Gefangener seines Körpers ist", sagt List rückblickend über die Aufnahme. Der Hamburger Bohemien findet unter der Sonne Griechenlands eine große Spielwiese. Tempelruinen, Antike Säulen und Statuen laden ein, "das Magische der Erscheinung im Bilde zu erfassen." Hier - in der Wiege der metaphysischen Philosophie - findet der Fotograf, was er sucht: Andeutungen der Welt hinter den Dingen und klassizistische Schönheit lassen rätselhafte Aufnahmen entstehen, die Fotografiegeschichte schreiben. Darunter auch der Goldfisch, dem die Freiheit im Mittelmeer kaum geschmeckt hätte: Salzwasser...

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