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Ein Bild und seine Geschichte: Mit dem Cabrio vor den Trümmern

Luftangriffe und Artilleriebeschuss - fünf Wochen bekam der Libanon 2006 Israels geballte Militärmacht zu spüren. Als die ersten Libanesen zu den Trümmern ihrer Häuser zurückkehren, macht der US-Fotograf Spencer Platt ein Bild so widersprüchlich wie der Krieg, in dem es entstand.

Von Philipp Gülland

Schick und sportlich kommt es daher, das rote Mini-Cabrio mit den Chromleisten an den Türkanten. Schick und sportlich auch die Insassen, vier schlanke, sportliche Frauen mit modischen Sonnenbrillen und ebenmäßigen Gesichtern - am Steuer ein junger Mann, ebenfalls mit Sonnenbrille und modischer Erscheinung.

Hinter den vermeintlichen Ausflüglern erstreckt sich das Chaos. Wochenlange Luftangriffe haben Haret Hreik, ein Viertel in Süd-Beirut, in Schutt und Asche gelegt. Israels Führung begründet ihr hartes Vorgehen mit den häufigen Raketenangriffen der radikal-islamischen Hisbollah aus Städten und Dörfern im Südlibanon. Eine der schlagkräftigsten Armeen der Welt - das Land befindet sich seit seiner Gründung 1948 in einer Art permanentem Kriegszustand - rückt weit ins Landesinnere vor. Artilleriebeschuss und Bomben legen Wohnviertel in Schutt und Asche.

Palme in den Trümmern wirkt surreal-mediterran

Tausende flüchten, viele verlieren das Leben. Es ist der 15. August 2006, die Luftangriffe haben aufgehört, und viele Bewohner Beiruts kehren in ihre Viertel zurück. So auch die fünf jungen Libanesen in ihrem Cabrio auf dem Weg durch die Straßen von Haret Hrink in Südbeirut. Fassungslos begutachten sie die Trümmer um sich herum, die Frau auf der Rückbank bedeckt ihren Mund mit einem Tuch, die Frau daneben macht mit dem Handy ein Foto. Im Hintergrund, auf der frei geräumten Straße, laufen Einwohner des Viertels. Eine verlorene Palme lugt unter den Trümmern hervor und verleiht der Trümmerlandschaft einen Hauch mediterranes Flair. Ein Bild voller Widersprüche.

"Erst dachte ich, ich hätte es vermasselt"

Spencer Platt berichtet für die Bildagentur Getty Images vom Libanon-Konflikt. Der Amerikaner erinnert sich gut an den Tag in Südbeirut und erklärt später im Interview mit stern.de: "Es war ein ruhiger Tag. Menschen arbeiteten in den Trümmern, ich hörte Stimmen und das Geräusch elektrischer Sägen, einige Leute weinten, andere waren optimistisch, der Krieg war vorbei. Über allem lag eine tiefe Stille. Meine Übersetzerin und ich waren in dem Viertel unterwegs, sind durch die Trümmer gestreift, haben Leute interviewt und Bilder gemacht. Eigentlich wollte ich zurück ins Hotel, mein Material archivieren und senden. Aber das eine Bild fehlte noch, das habe ich gefühlt. Wir standen gerade auf der Straße und unterhielten uns, als ich den Wagen kommen sah und wusste: 'Das ist etwas Anderes'. Ich hatte wenig Zeit um zu reagieren, fünf oder sechs Bilder konnte ich machen: alle unbrauchbar bis auf eins. Erst dachte ich, ich hätte es vermasselt."

Von Perfektion und Widersprüchen

Spencer Platt erinnert sich: "Die ersten Bildunterschriften erzählten von 'Kriegstouristen im Libanon'. Als ich das Bild gemacht habe, wusste ich nichts über diese Leute. Ich vermutete, sie seien Schiiten, weil viele in der Gegend lebten. Ich habe nie mit ihnen gesprochen Ich wusste nur, dass sie aus dem gleichen Grund da waren, wie ich auch: Als Voyeure, obwohl sie hier zu Hause waren. Sie haben getan, was wir alle taten, nur mit viel mehr Stil." Platt berichtet, die Wahrnehmung der jungen Leute im Cabrio als "Kriegstouristen" habe ihn zunächst sehr irritiert. Aber Bilder, zumal so widersprüchliche, interpretiere ja jeder etwas anders. Sein Bild sei zu perfekt, wird Spencer Platt immer wieder vorgehalten.

Der Fotograf sieht die Aufregung um seine Aufnahme mittlerweile eher gelassen: "Ich werde immer wieder beschuldigt, das Bild gestellt zu haben. Etwas Schmeichelhafteres kann man gar nicht sagen: 'zu perfekt'. Ein Reporter der New York Times wirft mir vor, ich hätte mit diesem Bild den Krieg verharmlost. Es kann recht frustrierend sein, sich all diesen Fragen und Vorwürfen zu stellen, obwohl ich die Gründe dafür verstehe." Widersprüchliche Bilder erzeugen schließlich widersprüchliche Reaktionen.

Aber das Bild erregt nicht nur Widerspruch und Aufmerksamkeit, es wird auch noch ausgezeichnet - von der internationalen Jury des "World Press Foto Awards" als bestes Pressefoto 2007.

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