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Ein Bild und seine Geschichte: Strom und Stillstand

Mumbai pulsiert: Menschenmassen zwischen Bollywood und Buddha, Alltag und Ayurveda - am deutlichsten spürt man das in Churchgate Station, einem der ältesten Bahnhöfe der Millionenstadt. Der Fotograf Raghu Rai macht das emsige Treiben greifbar.

Von Philipp Gülland

Die drei Männer in der Bildmitte lassen sich nicht stören. Ungerührt studieren sie ihre Zeitungen, einer schaut den vorbeieilenden Pendlern nach. Ihre Bank in der Bahnsteigmitte eine Insel der Ruhe. Drumherum tobt das pralle Leben, Menschen strömen eilig zu den wartenden Zügen, vom Beton des Bahnsteiges ist nichts zu sehen. Zwischen den Gleisen erstreckt sich ein Meer von verwischten Gesichtern und weißen Oberhemden – fließend, geschäftig, anonym. Alltag in Churchgate Station, dem südlichsten und meistfrequentierten Bahnhof der 13,7-Millionen-Metropole an Indiens Westküste.

Seit über 40 Jahren ist Rai Chronist des Subkontinents und der indische Fotojournalist par Excellence. Geboren in Jhhang, einem Dorf im heutigen Pakistan, entdeckte er 1965 seine Leidenschaft für die Fotografie. Nur ein Jahr später ist er bereits Cheffotoggraf der Tageszeitung "The Statesman". Tätigkeiten als Bildredakteur und Fotograf für die Nachrichtenmagazine "Sunday" und "India Today" folgen. Raghu Rais Reportagen und Fotoessays bestimmen das Erscheinungsbild des Magazins. Seine Bilder von Mutter Theresa oder den Folgen der Katastrophe von Bophal, wo ein Gasleck in einer Karbidfabrik zahllose Dorfbewohner das Leben kostete, werden zu Ikonen der indischen Gegenwart. International renommierte Magazine und Zeitschriften wie "Life", "Geo", "Newsweek" und "The Independent" veröffentlichen seine Arbeiten. 1977 schlägt Henri Cartier-Bresson ihn als Mitglied der Fotografen-Agentur "Magnum" vor.

"Mehr als ein Foto zeigen kann"

Ausführlich und intensiv wie kein Zweiter erforscht Rai mit seiner Kamera die Themen des Subkontinents, veröffentlicht über 18 Bildbände. Keine Frage, der Mann ist ein Überzeugungstäter. Der Beginn seiner langen und erfolgreichen Reise ist allerdings, wie so oft, Zufall: "Eigentlich wollte ich nie Fotograf werden." Erklärt er "Meine Liebe galt der Musik. Aber mein Vater wollte, dass ich Ingenieur werde. Das habe ich probiert. Ich habe ein Jahr für die Regierung gearbeitet. Dann kam ich nach Delhi. Da kam ich dann zur Fotografie zurück."

Bewegung ist das dominierende Element in Rais Bild der Pendler im Bahnhof von Churchgate: Strömende Menschenmassen, vergehende Zeit, Eile. "The world´s largest clock manufacturer" unterstreicht ein Schriftzug auf dem Waggon links im Bild diese Aussage. Die Energie und Geschäftigkeit des Ortes ist spürbar. Zugleich sind da auch die Zeitungleser. In ihre Seiten - vielleicht Politik, Sportteil, Wirtschaft, Vermischtes - vertieft, schaffen sie einen Kontrast inmitten des chaotischen Treibens auf dem Bahnsteig. "Indien ist eine multikulturelle, multireligiöse Gesellschaft, in der mehrere Jahrhunderte zur gleichen Zeit existieren", erklärt Rai. "Was man aufnimmt, ist deshalb mehr als ein Foto zeigen kann."

Technik, um sich auszudrücken

Bescheiden gibt sich der Fotograf, pragmatisch in seiner Arbeitsweise. Er glaube nicht an "nostalgischen Nonsens" und stellt fest: "Technik ist etwas, dass ich nutze um mich auszudrücken." Diese technische Nüchternheit ist Rais Bildern deutlich anzumerken: Er ist einer, der in die Dinge eintaucht, sich von ihnen treiben und überraschen lässt. "Es begeistert mich immer wieder, wie Ungesehenes auftaucht und Unbekanntes enthüllt wird, während ich fotografiere", sinnierte der Fotojournalist einmal in einem Interview mit der Zeitung The Tribune - und drückt damit aus, was wohl Viele bein Anblick seiner Bilder empfinden.

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