Junge Menschen fahren nachts scheinbar ziellos durch kleine Städte, drehen auf menschenleeren Parkplätzen ihre Runden im Auto – und schaffen sich dabei ihren ganz eigenen Raum. Die Fahrzeuge, oft ältere Modelle und optisch nicht unbedingt überwältigend – sind Rückzugsorte, Treffpunkte und Symbol fürs Erwachsensein. Zumindest für die Jugendlichen im Norden Finnlands. Der finnische Fotograf Jussi Puikkonen richtete für sein neues Fotobuch den Blick auf die ganz eigene Jugendkultur im arktischen Norden.
Puikkonen interessiert sich aber nicht wirklich für Motorenlärm oder spektakuläre Rennszenen. Stattdessen schaut er genauer hin – ins Innere der Autos. Seine Bilder zeigen keine glänzenden Karosserien, sondern die Menschen darin. Momente von Nähe und pubertätstypischer Unsicherheit, von Flirts, kleinstädtischer Langeweile, Sehnsucht und Veränderung. In den beheizten Innenräumen der betagten Karossen, geschützt vor der eisigen Dunkelheit draußen, üben hier junge Menschen das Erwachsensein.
Im Norden Finnlands ist ohne Auto alles nichts
Gerade in Regionen, in denen Busse selten fahren und Orte weit auseinanderliegen, ist der Führerschein ein wichtiger Schritt für junge Menschen. Ein eigenes Auto bedeutet Unabhängigkeit – auch im übertragenen Sinn. Diese Phase irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Dazugehören und Alleinsein, wollte Jussi Puikkonen festhalten.
Puikkonens Bilder erscheinen seit Jahren regelmäßig in internationalen Medien wie der „New York Times“ oder der „Washington Post“. Mit „Cruise“ setzt er seine langjährige Beschäftigung mit seiner Heimat Nordfinnland und der Lebenswelt junger Menschen dort fort. Der berührende Bildband führt weit über die finnische „Cruising“-Kultur hinaus. Er erzählt von etwas Universellem: dem Wunsch junger Menschen, einen eigenen Platz in der Welt zu finden.
„Cruise“ von Jussi Puikkonen, erschienen bei Garret Publications / Idea Books, 88 S., ca. 33 Euro