Gilles Berquet Facetten einer Muse


Die Muse ist der Kraftquell des Künstlers, ist Inspiration und oft genug auch Geliebte. Mïrka Lugosi ist die treibende Kraft im Schaffen des französischen Fotografen Gilles Berquet und zeigt in dessen neuem Bildband, dass sie weit mehr ist, als ein schönes duldsames Aktmodell.
Von Sabina Riester

Aber wo in königlicher Milde / Ihren Zauberstab die Muse schwingt / blühen schwelgerisch und kühn die Saaten / reifen, wie der Wandelsterne Lauf / schnell und herrlich Hoffnung und Taten / der Geschlechter zur Vollendung auf. (Friedrich Hölderlin: Hymne an die Muse)

Sie küsst und inspiriert, treibt zu kreativen Meisterleistungen an. Seit der Antike wird die Muse als göttlicher Begleiter des Künstlers verstanden. Und sieht dabei häufig fabelhaft aus. Sie kann reines Traumwesen sein, oft wird sie aber durch eine reale Frau im Umfeld des Künstlers verkörpert, nicht selten ist sie dessen Geliebte.

Mïrka Lugosi ist die treibende Kraft im Schaffen des französischen Fotografen Gilles Berquet. Berquet ist in Frankreich kein Unbekannter im Bereich erotischer Fotografie. Seine Bildbände wie "La Solitude des Anges" (1994), "Défense d`ouvrir" (1996) und "La Banquet" (2000) sind außergewöhnlich fotografiert und Raritäten in der Fotobuchszene.

Mïrka ist mehr als das duldsame, schöne Aktmodell

Berquets neuestes Werk "Mïrka" ist nicht nur von seiner Muse inspiriert, es ist eine wunderbare Hommage an sie. Gestaltenreich wandelt, turnt, geistert sie durch einen verwilderten Garten in Südfrankreich. Aber die Aufnahmen sind mehr als nur Bilder von Mïrka, mehr als eine Bildergeschichte über sie. Es ist ein künstlerisches Gemeinschaftsprojekt von Berquet und Mïrka, in der Mïrka zum aktiven Teil wird, es ist ein Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit von Fotograf und Fotoobjekt. Die offene vertraute Verbindung zwischen Gilles Berquet und Mirka gibt dem Band eine einzigartige Spannung. Und Mïrka zeigt, dass sie weit mehr ist, als das duldsame, schöne Aktmodell vor der Kamera. Wären es Gemälde, würde man sagen: Mïrka schwingt den Pinsel mit.

Hier drückt sie bildlich mit auf den Auslöser, entwickelt gemeinsam mit Gilles Berquet spannende Fotoideen, erfindet phantastische Szenarien: Nackt turnt sie durch Walddickicht, streicht einem Kampfhund, der in Deutschland nur mit Maulkorb auf die Straße dürfte, zärtlich ums gierige Maul. Mïrka biegt sich um knorrige Stämme und stöckelt hochhackig über den Waldboden. Dabei versteht sie vorzüglich das Spiel der Verwandlung. Die mondäne Blonde nimmt man ihr genauso ab, wie die zarte Waldelfe und die maskierte Stummfilmdiva. Immer ist sie nackt, die einzigen Accessoires in ihrer Figurenparade sind Perücken, Schuhe und eine Maske. Ihr zarter Körper und die märchenhafte Waldumgebung sind die Konstanten in diesem Spiel der Rollen, in Mïrkas Tanz der Facetten.

Höhenflug und Höllenritt

Und auch die Optik ist reduziert und außergewöhnlich. Die Aktbilder sind schwarz-weiß in Lochkameraoptik aufgenommen. Berquet beherrscht die Kunst, mit Schärfe und Unschärfe zu jonglieren. Die Aufnahmen wirken geheimnisvoll und scheinen von den Surrealisten beeinflusst. Die Optik überträgt Berquet von der Fotografie auf den Film. Denn der im Kehre-Verlag erschienene Band enthält auch eine DVD, auf der seine Muse im Bewegtbild posen, locken, spielen kann.

Berquet weiß dem Charme und Ideenreichtum Mïrkas Raum zu geben und er versteht ihn ins Bild zu bannen. Er zeigt eindrucksvoll: Wer sich von seiner Muse nicht nur beflügeln lässt, sondern in aktiven Austausch mit ihr tritt, kann das Beste erwarten. Seite an Seite mit ihr kann man alles wagen: Höhenflug und Höllenritt.

Kehrer Verlag
Gilles Berquet: "Mïrka"
Kehrer Verlag, 2007
EUR 36,00


Mehr zum Thema