VG-Wort Pixel

Melbourne Auf Schatzsuche im Großstadtdschungel


Auf einem Stadtplan findet man die engen Seitengassen der Millionen-Metropole nicht. Auch die Touristenbusse ignorieren die graffitibemalten Hauswände, verrückten Kellerläden und schrägen Bars. Verdammt schade, denn hier verbirgt sich eine Facette der Stadt, die auch Melbourner kaum kennen.
Von Brigitte Zander

Verunsichert drückt sich die kleine Reisegruppe in einer düsteren Gasse zwischen grünen, verbeulten Müllcontainern herum. "Sollen wir wirklich da durch?" Fiona nickt ermunternd. "Es lohnt sich", sagt sie und marschiert mit wehenden blonden Locken voran. Fiona ist Stadtführerin in Melbourne. Nicht eine, die komfortgewöhnte Touristen in gekühlten Riesenbussen durch die Millionen-Metropole Victorias karrt. Sie führt die Urlauber auf verschlungenen Wegen durch verruchte Gassen, dunkle Absteigen und verlassene Häuser.

"Dahinten liegt "Cherry", unsere legendärste Rockbar mit großer Tanzfläche, schnuckeliger Ausstattung, und einem Repertoire von 60iger-Jahre-Oldies bis New Wave", erzählt Fiona. Zuvor hat sie ihre skeptischen Gäste schon in die ebenso versteckte "Until Never"-Gallery gelotst, und danach in einen düsteren Keller geschickt, der sich in einen Musikladen mit einer beachtlichen Sammlung modernster CDs und uralter Schellacks verwandelt hat. Die Schatzsuche, offiziell "Hidden Secrets Tours" genannt, dauert drei Stunden. Der Höhepunkt ist das "Curtin Houses", einer jener düsteren Cityblocks von 1800-irgendwas.

Klappernd in den sechsten Stock

Im wackligen Aufzug rattert die Gruppe bis zum sechsten Stock und klettert von dort über luftige Eisenstiegen auf das Dach. Genauer: Auf das höchste Open-Air-Kino der Stadt mit "Rooftop Bar", in deren Liegestühle kann man ein Bier schlucken und den Sternenhimmel zwischen den umgebenen Wolkenkratzern bewundern. Bergab steigen wir zu Fuß durch ein düsteres Treppenhaus. Nicht, weil der Aufzug klemmt, sondern weil auch die unteren Stockwerke im "Curtin House" (252 Swanston Street) Überraschungen bergen: Kunst-Galerien, ein ausgezeichnetes Thai-Restaurant und das witzige "Toff in Town", ein Lokal mit verschließbaren Eisenbahnabteilen, gedacht für Geheimkonferenzen und für Liebespaare. Der Kellner stört nur, wenn er über eine Klingel im Abteil gerufen wird.

Merkwürdigerweise wirbt draußen kein Schild für diese Sehenswürdigkeiten. Insider kennen sich aus, sagen sich die eher zugeknöpften Melbourner. Fremde müssen auf die Geheimtipps von Touri-Guides wie Fiona zurückgreifen, zu deren Sightseeing-Wundertüten-Programm noch ein Kimono-Paradies im Obergeschoss eines unauffälligen Büroklotzes gehört, der Kleider-Kellerladen "Cats Meow" ("Katzen Miau") von zwei alternativen Melbourner Modeschöpferinnen und der Secondhand-Shop "Retro Star" im ersten Stock der Cathedral Arkaden, proppevoll gestopft mit Klamotten, Asseccoires und Nippes aus sechs Jahrzehnten.

Künstler und Köche in den Kellern

Viele junge Künstler, Modemacher, Köche und Entertainer, die sich die teuren City-Geschäftsräume nicht leisten können, ziehen gern in solch unattraktive Lagen: in Arkaden-Keller, in die oberen Stockwerke schäbiger Hochhäuser oder in die Lanes and Alleys, jene winzigen Gassen zwischen den riesigen Geschäftsblöcken aus dem 19. Jahrhundert, die ursprünglich als Lieferantenpassagen dienten. Auf Stadtplänen sind sie selten verzeichnet. Unauffällige Schilder an backsteinernen Hauswänden verraten ihren Namen: Union, AC/DC, Hosier, Flinders, Stevenson, Caledonian, Niagara oder Degraves. Das Degraves Gässchen, auch Lunch-Lane genannt, gilt als Geheimtipp für ebenso köstliche wie günstige Essenspausen.

Selbst Investoren und Kunden schätzen neuerdings die Gammelgassen. Der britische Starkoch Jamie Oliver hat eine Filiale in der armseligen George Parade eröffnet. Obwohl ein Lunch 45 Dollar kostet und kein Schild zu ihm weist, sind die wenigen Tische meist ausgebucht. Zehn Meter weiter liegt das "Italy 1". Von außen schäbig, aber ein Magnet für die feinen Banker der nahen Collins Street. Und in der knallbuntbeschmierten Hosier Lane liegt "Movida", ein unansehnliches Tapas-Restaurant, das man am besten einen Monat im Voraus reserviert, um einen Tisch zu bekommen.

Attraktivität der Abfalltonnen

Inzwischen hat auch die Stadtverwaltung die Attraktivität der Hinterhöfe voller Abfalltonnen, brüchigen Wänden, Stromleitungen und Holperpflaster entdeckt. Sie schreibt jährlich Preise für Künstler aus, die die Lanes mit raffinierter Mauerspüherei, Licht-Installationen oder dekorativen Messing-Rohren in öffentliche Galerien verwandeln. Um auf Schleichwegen die Straßenkunst zu erkunden, braucht ein Fremder entweder Führer wie Fiona oder man kauft die handykleinen Reiseführern, die unter dem Stichwort "Secrets" verkauft werden.

Sie führen durch Melbournes Chinatown, die in einer einzigen Straße liegt, der Little Bourke Street. Von dieser asiatischen Fressgasse zweigt die Croft Alley ab, ein krummes Gässchen mit dem Charmes eines Hitchcock-Krimi-Tatorts. Nur Mut, am Ende liegt das "Croft Institute", eine irre Bar, eingerichtet wie ein Chemie-Labor mit hunderten von Laborgläsern. Die Cocktailkarte mit Spezialitäten wie Eucalypthus- oder Limonen-Myrte-Wodka und Paprika-Gin erinnert an die frühere Nutzung der Räume als Wodka-Destillerie.

Die Abenteuer-Odyssee von Fiona endet weniger hochprozentig, mit einem Glas Chardonnay. Serviert auf rostigen Ölkanistern, die Stühle aus aus Bananenkisten gezimmert. Weinranken winden sich um Stahlrohrstürzen und eine verblichene Buddhafigur. "Containerbar" heißt das Open-Air-Etablissement stilecht. Und wer mag, kann die ganz normale Sightseeingtour samt Parlamentsgebäude, neoklassizistischem Rathaus, dem ockerfarbig restaurierten Bahnhof "Flinders Street Station" und der endlosen Säulenfassade des Museums noch dranhängen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker