Ende des 1950er-Jahre war Walter Lüden (1914–1996), der keinen Meisterbrief hatte, sondern Autodidakt war und sich daher nie Fotograf nennen durfte, schon umgestiegen – von der Kleinbild- auf eine Mittelformatkamera. Er ergänzte seine Leica um eine Hasselblad, deren jüngstes Modell ihm 1957 in puncto Qualität ganz neue Möglichkeiten bot.
Ende der 1920er-Jahre hatte der gebürtige Hamburger zu fotografieren begonnen, nach dem Zweiten Weltkrieg machte er es zu seinem Beruf. Er baute sich in seiner Stadt einen großen Stamm an Firmen auf, die ihn mit Aufträgen versorgten und sein scharfes Auge sowie seine ungewöhnlichen Perspektiven schätzten.
Der Hamburger Junius Verlag hat den Bildband "Eine Stadt in Bewegung" mit Schwarzweißfotografien herausgebracht, bei dem nicht nur Einwohner der Hansestadt ins Träumen geraten. Der Wieder- und Neuaufbau hat Architekten in den 1950er- und 1960er-Jahren große Chancen gegeben und auch so manche Freiheiten erlaubt. Ungewöhnliche Kirchen entstanden in Hamburg ebenso wie reich verglaste Hochhäuser, gebaut wurde überall, im Zentrum wie am Stadtrand. Und Lüden dokumentierte den Umbruch in seinem ganz eigenen Stil.
Hamburg, die Menschen, die Mode
Ob am Flughafen, bei der Bahn oder der Verladung unzähliger Autos am Hafen, der Fotograf fing überall auch die Menschen ein: bei der Arbeit, beim Flanieren an und auf der Alster, beim Einkaufsbummel in der Innenstadt sowie 1963 beim Schlendern auf der Bundesgartenschau in Planten un Blomen – für die extra eine Seilbahn in Betrieb genommen worden war.
Überhaupt, der Verkehr! Die Fahrzeuge! Die Wege! Während manche Straßen ungewöhnlich leer wirken, stauen sich plötzlich mitten in der Innenstadt Autos, Bullis und Busse, hinter denen sich sogar die Straßenbahn noch einreihen muss. Erst seit Oktober 1978 fährt in Hamburg keine einzige Straßenbahn mehr, die U-Bahnen hatten sie (leider) abgelöst. Das Fehlen von Parkhäusern und Tiefgaragen macht sich im Stadtbild bemerkbar – jede freie Fläche wird zu einem gigantischen Parkplatz.
Sich beim Durchblättern dieses Bandes mal auf die Kleidung zu konzentrieren, ist ebenfalls ein großes Vergnügen. Hüte, Kostüme und sogenannte Absatzschuhe – anders gekleidet gingen die Damen höchstens im Hochsommer zum Shoppen oder ins Café, wenn eine Sonnenbrille sie schmückte. Die Herren trugen Anzüge, zum Teil ebenfalls Hüte oder ihre Arbeitskluften, wenn sie unter freiem Himmel arbeiteten.
Dieses Buch ist eine warme Empfehlung für Menschen, die Vergnügen daran finden, in eine Vergangenheit einzutauchen, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.