Helmut Newton Der Mann, der die Frauen kriegte


Das ganze Gerede über Erotik langweilt ihn. "Reden Sie von Sex", sagt er, "dann weiß ich, was gemeint ist": Helmut Newton über erste Erektionen, lüsterne Geliebte und letzte Laster.
Von Sven Michaelsen

Herr Newton, Ihre Memoiren sollten bereits vor neun Jahren erscheinen. Was war Ihr Problem?
Ich habe drei Lektoren ausprobiert und wieder rausgeschmissen. Das waren komplette Nieten, die von Juden und Nazis keine Ahnung hatten. Meine Frau June hat dann meine Tonbandmonologe zu einem Manuskript zusammengeflickt. Als sie 1993 fertig war, dachte ich plötzlich: Wen soll das eigentlich interessieren? Meinem Agenten sagte ich: "Ich habe Mist verzapft. Zerreiß die Verträge." Als June mir dann letztes Jahr mitteilte, dass diesen Herbst ihre eigenen Memoiren erscheinen, habe ich mir gesagt: "Okay, wenn die das kann, dann kannst du es auch!"

Ihre Memoiren brechen 1982 abrupt ab. Dafür möchte der Leser Sie am liebsten auspeitschen.
Wer am Ziel angekommen ist, ist nicht mehr hungrig, und satte Menschen finde ich uninteressant. Was hätte ich denn über die letzten 20 Jahre schreiben können? Ich habe eine Menge wahnsinnig langweiliger Hollywood-Bimbos kennen gelernt, ich verdiene ein bisschen mehr Geld als früher, und ich fliege nur noch erster Klasse, damit ich meine Beine ausstrecken kann. Sonst ist nichts passiert.

Nach dieser Logik könnte Mick Jagger seine Autobiografie mit dem Satz beenden: "Und 1962 trat ich dann den Rolling Stones bei."

Na ja, es wäre natürlich schon lustig, wenn er über die Zeit danach schreiben würde: "Ich habe die gefickt und die gefickt und die gefickt." Bei June und mir ist es aber so, dass wir ein Agreement haben, über solche Themen lieber zu schweigen.

Sie behaupten, nie eifersüchtig gewesen zu sein. Ist das Gleichgültigkeit?

Nein. Ich bin Feminist. Wenn ich mit einem Job früher als angekündigt fertig war, habe ich June immer vom Flughafen aus Bescheid gesagt. Ich wollte sie nie bei irgendwas überraschen. Ich habe auch noch kein einziges Mal ihre Handtasche aufgemacht. Heute morgen bat ich June, meine Brille zu suchen. Sie fragte: "Darf ich durch deine Taschen gehen?" Ich finde, das gehört sich so. Auch nach 54 Jahren Ehe sollte es noch Respekt geben.

"Mit den Models hatten wir immer viel Spaß", schreiben Sie. Wird June nicht von chronischer Eifersucht gequält?

Meine Frau weiß, dass ich Models so ansehe wie ein Bauer seine Kartoffeln. Trotzdem war sie manchmal schon eifersüchtig.

Ihr Buch bestätigt das Klischee, Sie seien der geborene Erotomane ...

Was ist ein Erotomane? Ein Ficker? Ich hasse das Gerede von Erotik. Reden Sie von Sex. Dann weiß ich, was gemeint ist.

Schon als Vierjähriger fanden Sie Ihre Mutter »stimulierend« und »begehrenswert« und bekamen eine Erektion, als eine Dame Sie auf ihre Schultern setzte.

Es erregte mich, wenn meine Mutter abends in ihrem fleischfarbenen Satin-Unterrock zu mir ans Bett kam und ich ihre nackten Arme spürte. Sie war eine glamouröse und ein bisschen versnobte Person, die wunderbar Geschichten erzählen konnte.

Mit 13 hatten Sie dunkelblaue Ringe unter den Augen. Ihre Erklärung: "Ich masturbierte wie ein Weltmeister."

Meine Mutter wusste Bescheid, weil die Bettlaken Bände sprachen. Sie war ziemlich hysterisch und hatte immer Angst um mich, weil ihr Helmie so kränklich war und oft ohnmächtig wurde. Wenn ich bewusstlos neben dem Abendbrottisch lag, hieß es nur beiläufig: "Ach, unser Helmie ist mal wieder ohnmächtig geworden." Ich wurde von einem Chauffeur in Uniform zur Schule gefahren, und wegen der Bazillen durfte ich kein Geländer anfassen und kein Geld berühren. Ich war verzogen, unausstehlich und eine schreckliche Memme. Es ist mir heute noch zuwider, mich von Fremden berühren zu lassen oder ein Geländer anzufassen. Mit meinen 81 Jahren stehe ich bei einer Treppe jetzt immer vor der Wahl: eklige Bazillen riskieren oder runterfallen.

Nachdem Ihr jüdischer Vater - damals Besitzer der größten deutschen Knopffabrik - von den Nazis verhaftet wurde, flohen Sie 1938 per Schiff nach Singapur. Über die Zeit an Bord schreiben Sie: »Ich vögelte mich durchs Mittelmeer. Ich hielt mich an die verheirateten Frauen um die 30.«

Für die Juden war dieses Schiff eine Paradies-Insel, weil man ihnen endlich nichts mehr antun konnte. Jeden Abend wurde getanzt, getrunken und gefickt. Dass ich mich an ältere Frauen hielt, heißt aber nicht, dass ich eigentlich mit meiner Mutter schlafen wollte. 17-jährige Mädels fand ich immer weniger aufregend als Frauen, die glamourös und sophisticated sind und Sexappeal haben.

Als Sie in Singapur ankamen, besaßen Sie gerade mal fünf Dollar. Die haben Sie in der ersten Nacht im Bordell ausgegeben.

Mein gesunder ökonomischer Sachverstand sagte mir, dass es keinen Unterschied macht, fünf Dollar zu besitzen oder völlig pleite zu sein. Außerdem hatte mir an Bord jemand gesagt, bei den Chinesinnen würde die Muschi quer sitzen. Das musste ich unbedingt überprüfen. Prostitution hat mich schon als siebenjähriger Knabe angezogen. Mich fasziniert der Gedanke, dass man Liebe kaufen kann, und ich finde dieses Milieu ungeheuer aufregend. Nur wenn Frauen arm sind und frierend auf der Prenzlauer Allee rumstehen, ist das nicht sehr lustig.

Nach ein paar Wochen ließen Sie sich in Singapur von einer lüsternen Geschäftsfrau aushalten, die Sie opulent beschenkte.

Ich drohte in der Gosse zu verhungern und aß Abfälle. Josette hat mich gerettet. Dafür wurde ich ihr Gigolo, ein berufsmäßiger Rammler, der ein Jahr lang jeden Tag mit ihr schlief. Dann hing es mir zum Hals raus, mit 19 Jahren ständig mit einer Frau zusammen zu sein, die fast doppelt so alt war wie ich. Ich ging nach Australien und wurde Soldat.

Woran liegt es, dass Sie in Ihrem Leben mit nur einer Jüdin geschlafen haben?

Das ist Zufall. Ich bin kein Antisemit. Es hat mich auch nie gestört, Jude zu sein. Mein Bruder war da völlig verrückt. Wenn ein Jude sich taufen lässt, wird er Katholik. Aber er ist Protestant geworden. Als ich mal Brotkügelchen nach ihm schmiss, herrschte er mich an: »Helmut, mit Brot zu werfen ist eine schlimme Sünde!«

Sie wurden mal von der berühmten Annie Leibovitz fotografiert. Wie war das?

Mitten im Shooting sagte sie plötzlich: "Mach deinen Reißverschluss auf und hol deinen Schwanz raus." Ich war fassungslos und schrie sie an: "Bist du wahnsinnig?"

Den Erfinder des Porno-Schicks einmal selbst zum Nacktmodel zu machen ist doch eine aparte Idee.

Bullshit! Ich sage nie zu Frauen: "Mach deinen Rock auf und zeig mir deine Fotze." Mit solchen Kommandos entstehen keine Fotos, die mir gefallen.

Warum dürfen Ihre Models dumm sein?

Ich kann Ihnen große deutsche Starmodels nennen, mit denen ich ganz schreckliche Abende verbracht habe. Entweder sind sie so doof, dass sie nur schweigend dasitzen wie die Ölgötzen, oder sie sind Nervensägen und hören nicht auf zu quatschen. Und dann gibt es noch die, die glauben, von höheren Dingen sprechen zu müssen. Das sind die Schlimmsten. Meiner Kamera ist das aber alles egal. Ich kann nicht erklären, warum ein Mädchen meine Kamera verführt und ein anderes nicht.

Sie verlieren kein Wort über den Holocaust - oder das Gefühl, ab Mitte der 50er Jahre wieder in Deutschland zu arbeiten.

Ich kenne das: Sie als Deutscher vermissen meine Animosität gegen die Deutschen. Ich werde nie vergessen und nie vergeben, aber ich finde, die Deutschen sind die Einzigen, die sich ernsthaft mit ihrer Vergangenheit konfrontieren. Als man mir das Große Bundesverdienstkreuz anbot, sagte June: "Das kannst du unmöglich annehmen!" Ich fragte dann Billy Wilder. Seine Antwort lautete: "You've got to take it!" Ich habe lieber auf Billy gehört.

Sie sind längst Multimillionär. Womit können Sie sich noch eine Freude machen?

Ich bin ein hypochondrischer alter Kacker, der pro Tag 13 verschiedene Pillen schlucken muss, aber ich liebe immer noch Autos. Ich fuhr schon einen weißen Porsche mit roten Ledersitzen, als ich noch nicht mal meine Miete bezahlen konnte. Seit ein paar Tagen habe ich eine Corvette, die in Detroit extra für mich gemacht wurde. Sie ist mit züngelnden Flammen bemalt. A fucking great car!

Sind Sie mit Ihrer Corvette schon mal losgebraust?

Ja, zum Lunch. Anderthalb Kilometer hin und anderthalb Kilometer zurück.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker