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Fotograf Miles Aldridge: Ein verstörender Blick hinter die schillernde Fassade

Die Fotostrecken des Engländers Miles Aldridge sind perfekt ausgeleuchtete, hintergründige Kammerspiele. Halb Tragödie, halb Komödie, speisen sie sich häufig aus seiner Biografie.

von Dirk Van Versendaal

"Schöne Farben machen eine düstere Nachricht schmackhaft" – Caroline Trentini und ihr Spiel mit dem Feuer erschien 2008 unter dem Titel "Home Works #3"

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Starke autobiografische Elemente finden sich in seinen Bildern, sagt Miles Aldridge. Der englische Fotograf, Jahrgang 1964, spricht dann von Referenzen an seine Kindheit, von seiner Mutter – "die in all diesen geheimnisvollen Frauen" auf seinen Fotos stecke. Rita Aldridge starb, als ihr Sohn Ende 20 war. Seither rätselt er, "wer sie wohl gewesen ist". Antworten sucht er in einer hochpolierten Luxuswelt, in der es hysterisch leuchtet, unter deren Oberflächen es allerdings düster brodelt. Es steckt ein Wurm in all der Schönheit, es quillt zwischen den fröhlichen Farben und perfekten Gesichtern Einsamkeit hervor – nirgends sonst sieht Alleinsein so schick aus.

Mich begeistert nicht das Schöne, sondern der Abgrund hinter der glänzenden Fassade", sagt Aldridge. Das behaupten Modefotografen gern mal, in Wahrheit fasziniert sie beides. Tatsächlich hat Aldridge nicht nur eine regelrechte Obsession für schöne Frauen, er war auch immer von ihnen umgeben: Seine Schwester Saffron ist ebenso Model geworden wie die beiden Halbschwestern Ruby und der Victoria's-Secret-Engel Lily. 16 Jahre lang war Aldridge mit Kristen McMenamy verheiratet, einem US-Supermodel der 90er Jahre. Im Kleid von Karl Lagerfeld und an dessen Arm schritt sie 1997 zum Hochzeitsaltar, während Naomi Campbell als Brautjungfer auftrat. McMenamy und Aldridge haben zwei gemeinsame Söhne, seine Tochter aus erster Ehe, Rita, ist inzwischen 20. Mit Patchwork und Beziehungs-Zick-zack kennt man sich im Aldridge-Clan aus: Miles hat sieben Geschwister und Halbgeschwister.

Miles Aldridges Vater kreierte Plattencover für die Beatles

Sein Vater Alan war ein gefeierter Illustrator der Psychedelic Art. Er entwarf Plattencover für The Who und Bücher für die Beatles, war mit Eric Clapton und Elton John befreundet und machte seinen Sohn mit Pop-Art, Comic-Zeichnungen und religiösen Bilderwelten bekannt. "Als ich klein war, wollte ich wie mein Vater sein. Er hatte die beste Arbeit auf der Welt, er führte das tollste Leben." Leider verließ er dann Frau und Kinder und zog 1976 zum "Playboy"-Bunny Laura Lyons nach Kalifornien. Von nun an waren Postkarten das Kommunikationsmittel zwischen Vater und Sohn.

Als Miles' Mutter Rita 49 war, starb sie an Krebs. Ihrem Sohn hinterließ sie viele nie beantwortete Fragen. Auch wenn auf den traumähnlichen Bildern von Aldridge nur Frauen auftreten, sind Männer immer präsent, wenn nicht im Bild, so doch immer spürbar als Bedrohung. Selbst in Abwesenheit bestimmen sie die Art und Weise, wie die Frauen sich verhalten, sich kleiden, sich schminken, an der Kamera vorbeischauen – und am Leben.

 Aldridge wuchs im Londoner Stadtteil Hampstead auf und besuchte das renommierte Saint Martin's College. Er wollte Filmregisseur werden. Dass seine künstlerischen Vorbilder Fellini und Hitchcock heißen, David Lynch und Pedro Almodóvar, ist offensichtlich. Als er – nach ein paar Jahren als Regisseur von Videospots – in den späten Neunzigern mit dem Fotografieren begann, bestimmten die Ausläufer der Grunge-Ära, Hungerhaken wie Kate Moss und schlecht ausgeleuchtete Szenerien die Ästhetik in der britischen Modefotografie. Streetstyle-Magazine wie "The Face" zeigten müde, beleidigte Gesichter und feierten die Hässlichkeit des Alltags. Dem Grauschleier dieses Fotorealismus setzte Aldridge seine makellosen Hochglanzfotografien entgegen, traumschöne Androiden zwischen perfekt ausgeleuchteten Kulissen. Er fing die Blicke jener ein, die sich eilig durch Modemagazine blätterten und erschlagen fühlten von den ewig gleichen Bildern und Posen. Es waren die französische "Numéro" und vor allem die italienische "Vogue", die Aldridge für sich entdeckten, förderten, ihn zum Star machten.

Der nächste Bilderkünstler aus dem Hause Aldridge scheint schon heranzuwachsen. Der 14-jährige Arthur handelt neuerdings mit Kleidern im Internet, um sein Taschengeld aufzubessern, erzählt sein Vater stolz. "Ständig fragt er mich, mit welcher Linse er fotografieren soll, wie er den Hintergrund hell bekommt und was zu beachten ist, wenn die Kleider spiegelnde Plättchen haben. Ich habe den größten Spaß daran, ihm diese Fragen zu beantworten.