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Mont-Saint-Michel: Wie der Klosterberg zur Insel wird

Seit 1879 verbindet ein Damm die Insel Mont-Saint-Michel mit dem französischen Festland. Nun soll der Klosterberg wieder zum Eiland gemacht werden.

Das Startsignal haben die olivgrünen und hell gesprenkelten Schlammtaucher gegeben. Etwa eine Hundertschaft der kleinen Krötenfrösche durfte eigens für sie angelegte Teiche in der seichten Ärmelkanal-Bucht von Moidrey beziehen. Denn Fauna und Flora sollen nicht leiden, wenn die pittoreske Gegend rund um das "Wunderwerk des Abendlandes" Ende des Jahres zur Großbaustelle wird. Der berühmte Klosterberg Mont-Saint-Michel, 1979 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt, soll soweit möglich wieder zur Insel werden. Über die Jahrzehnte ist die normannische Bucht mit dem überragenden Meisterwerk der mittelalterlichen Architektur immer mehr versandet. Die Krötenfrösche sind also in Sicherheit, die Vorarbeiten im Gang.

Etwa 220 Millionen Euro wird es kosten, dem grauen Granitfelsen mit der Abtei und dem schlanken Glockenturm den insularen Charakter zurückzugeben und die Bausünden der Vergangenheit zu beseitigen. Zehn Jahre lang häuften sich die Studien, Modelle wurden gebaut und die Belange von nicht weniger als 17 Gemeinden des französischen Nordens abgestimmt. Und es ging beileibe nicht nur darum, den Schlammtauchern auch weiterhin ihre ungestörten abendlichen Serenaden zu erlauben.

Die Salzwiesen wachsen

Seit drei Jahrzehnten löste bereits ein Plan den anderen ab, um der Verschlammung der Bucht Herr zu werden. Das Problem ist lange bekannt und teilweise hausgemacht. Mehr als 700.000 Kubikmeter Sand schwemmt die Flut Jahr für Jahr an. Der in die Bucht mit dem steilen Klosterberg führende Fluss Couesnon treibt, vereint mit den Kräften der Gezeiten, aber nur einen Bruchteil davon wieder weg. Um 25 Hektar wuchsen so im Jahr die Salzwiesen in Wattnähe, die das Fleisch der 13.000 dort weidenden Lämmer - noch vor dem Kochtopf - fein würzen.

Bis 2010 soll daran gearbeitet werden, dem jährlich von mehr als drei Millionen Touristen besuchten Klosterberg sein Naturambiente zurückzugeben. Dafür muss der feste Straßendamm zu dem 15 Hektar großen Parkplatz am Saint-Michel weggebaggert und durch eine schlanke Stelzen-Brücke ersetzt werden, die Ebbe und Flut freie Bahn lässt. Denn dieser Damm trägt seit 1879 ganz erheblich zur Versandung bei. Der Plan des österreichischen Architekten und Brücken-Experten Dietmar Feichtinger verbannt Autos ganz aus der Nähe - auf seiner "Passerelle" zum Mont-Saint-Michel pendelt künftig eine Elektro-Bahn für tausende Besucher in der Stunde. Man kann auch weiter per pedes zu dem Berg pilgern. Autos müssen derweil zwei Kilometer entfernt auf dem Festland bleiben. Ein neuer Parkplatz für 4150 Autos wird gebaut.

Doch zunächst einmal ist der Fluss Couesnon dran, der zwecks Wasserversorgung gestaut wurde und die Ablagerungen deshalb nicht zurück ins Meer spülen kann. Die nicht zuletzt auch aus den Töpfen der EU finanzierte Rettung des architektonischen Juwels als Insel will den Couesnon wieder seine Arbeit tun lassen. Er erhält eine Schleuse mit Rückhaltesystem, damit er, gründlich von Sedimenten gereinigt, als eine Art gigantische Wasserspülung dient: Bei Ebbe fließt hydraulisch zurückgehaltenes Flutwasser wieder in die Bucht. "Der Mont-Saint-Michel ist für Frankreich, was die Große Pyramide für Ägypten bedeutet", setzte sich bereits der Schriftsteller Victor Hugo für das doppelte Meisterwerk der Natur und der Kunst ein. Jahre wird es dauern, bis die Maßnahmen wirken und der magische Klosterberg den maritimen Charakter zurückerhält - in der Tat aber immer nur für kurze Zeit, wenn die Tide hoch genug ist und die Insel ganz umspült.

Hanns-Jochen Kaffsack/DPA / DPA
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