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Roswitha Hecke: Heimliche Blicke

Huren und Boxer, Transvestiten und Liliputaner, Stars und Kommissare: Fotografin Roswitha Hecke lichtet Menschen ab, die von Natur aus misstrauisch sein müssen. Im Berliner Martin-Gropius-Bau werden nun die Bilder der abenteuerlustigen Fotokünstlerin gezeigt.

Von Almut F. Kaspar

Dieses Kind mit dem riesigen Kopf und den großen Augen. Wie es mit einer versteckten Verschmitztheit in die Kamera schaut. Körperhaltung, Blick und Mimik vermitteln Unangreifbarkeit und Selbstbewusstsein. Der kleine Junge mit dem wollenen Trikot und den verschränkten Ärmchen ist David Bennent. Als das Foto 1968 entstand, war er gerade mal zwei Jahre alt. Ein Kind, das schon damals Respekt einforderte. Weltbekannt wurde der kleinwüchsige David Bennent erst sehr viel später - 1979, als eigensinniger Oskar Matzerath in Volker Schlöndorffs Verfilmung des Günter-Grass-Romans "Die Blechtrommel".

Geschossen hat das magische Bild die Fotografin Roswitha Hecke. Und gezeigt wird es nun, mit zahlreichen anderen Fotos der Künstlerin, in der Ausstellung "Secret Views" im Berliner Martin-Gropius-Bau. Der Titel der Retrospektive mit "Fotografien von 1964 bis heute" (Untertitel) beschreibt die Arbeitsmethode der Fotografin von Anfang an: Roswitha Hecke hat sich nie aufgedrängt, ist immer behutsam mit den Menschen umgegangen, die sie mit ihrer Kamera aufgenommen hat, hat allenfalls "heimliche Blicke" riskiert, sie mit Gespür eingefangen und auf Papier gebannt.

Passion des Fotografierens ohne jemals eine Kamera gehalten zu haben

Roswitha Hecke wird 1944 als Kind russisch-deutscher Eltern in Hamburg geboren. Sie folgt ihrer Intuition, blind und voller Vertrauen. Bereits als junges Mädchen wusste sie, welchen Beruf sie ergreifen wollte: Fotografin - nichts anderes. "Schon als Jugendliche war mir klar, dass ich später viel von der Welt sehen wollte und Fotografin werden wollte", sagt sie, "mit 17 habe ich deshalb beschlossen, Fotografin zu werden, obwohl ich vorher nie eine Kamera in der Hand gehalten hatte."

Mit 18 beginnt Roswitha Hecke eine Fotolehre. Da taucht sie, 1963, in ein ihr bislang fremdes Milieu ein und ist fasziniert von der Welt der Hamburger Hafenkinder. Kinder, die ihrem Schicksal trotzen und voller Vitalität und kindlicher Welteroberungslust vor der Kamera posieren. Zum Beispiel das kleine Mädchen auf den Stufen, das kokett die Beine übereinander geschlagen und die Arme verschränkt hat und in die Kamera lacht. Wieder so ein Bild, das uns magisch in seinen Bann zieht.

Gespür für den richtigen Augenblick

Nach ihrer dreijährigen Ausbildung - Abschluss: Gesellenbrief für Fotografie - lernt sie den Theaterregisseur Peter Zadek kennen, dessen Inszenierungen sie in den sieben Jahren ihrer Beziehung exklusiv fotografiert. Daneben dokumentiert sie mit der Kamera die Arbeiten anderer Regisseure wie Werner Schroeter, Rainer Werner Fassbinder oder Eric Rohmer. Über ihren Lebensgefährten Zadek freundet sie sich mit dem Schauspieler Heinz Bennent und dessen Familie an. Und begleitet die Familie seit dieser Zeit fotografisch. Lichtet immer wieder Vater Heinz ab, seine Frau Diane und Bennents Tochter Anne und seinen Sohn David. Über die Jahrzehnte hinweg ist so ein eindrucksvoller Bilderzyklus entstanden, der auch den Schwerpunkt der Ausstellung bildet.

Anfang der 70er Jahre bricht Roswitha Hecke aus der Beziehung mit Peter Zadek aus und zieht für zwei Jahre nach Paris, weil sie dort die Prostituierten von Pigalle fotografieren will. Sie mietet sich ein Zimmer in der Rue André Antoine, muss aber schnell feststellen, dass sie nun im Zentrum der Pariser Transvestiten-Szene wohnt. Also freundet sie sich mit ihren neuen Nachbarn an und dokumentiert deren Alltag. Macht Bilder von Lebenslust und Erotik, von Armut und Überlebenswillen. Mit ihrem untrüglichen Blick für den Bildausschnitt und die Details entstehen Fotografien von unglaublicher Authentizität. Es ist ihre Zuneigung für ihre Modelle und ihr außergewöhnliches Gespür für den richtigen Augenblick, Nähe herzustellen, ohne dabei aufdringlich zu sein, die solche Aufnahmen erst möglich machen.

Dann lernt sie in der Wohnung der Schauspielerin Bulle Augier den deutschen Schriftsteller Wolf Wondratschek ("Früher begann der Tag mit einer Schusswunde") kennen, mit dem sie ein paar Jahre zusammen lebt. Mit ihm reist sie durch Amerika, fotografiert Boxer in ihren Gyms oder den Detective des Morddezernats des 48. Reviers in New York, Roy Finer, den sie durch die Häuserschluchten der South Bronx begleitet.

Wondratschek war hingerissen: "Alles war unserer Arbeit zuträglich, das Glück als Team, die Inspiration unserer Nähe - und die Fremdheit an jedem Ort." Wondratschek schreibt, sie liefert die Fotos.

Fotografie zwischen Nähe und Distanz

In Zürich lebt Roswitha Hecke eine Zeit lang mit der Prostituierten Irene zusammen, die sie mal in Berlin getroffen hat. Fotografiert sie im Alltag und auf dem Strich. Irene, eine stolze und üppige Königin der Nacht, ist die netzbestrumpfte Heldin ihres Buches "Liebes Leben - Bilder mit Irene", das 1978 erscheint und 1979 mit dem Kodak-Preis für das beste Fotobuch ausgezeichnet wird. "Liebes Leben" macht die Fotografin weltbekannt.

Roswitha Hecke geht ihren ureigenen Weg. Entscheidet spontan und setzt konsequent um. Man merkt ihren Bildern an, wie sie den Menschen, denen sie nachspürt und die sie ablichtet, begegnet. Man spürt regelrecht die Neugier der Fotografin, ihrem Gegenüber ganz nahe zu kommen und doch auch immer voller Respekt und in würdevoller Distanz zu bleiben. Diese unbändige Lust, dieses ehrliche Interesse zeichnet ihre gesamte Arbeit aus. Und die Intimität, die da entstanden ist, verleiht ihren Bildern eine Seele. Ob sie nun Schauspielerinnen wie Christine Kaufmann oder Ingrid Caven vor der Kamera hat oder den Liliputaner in Istanbul, der mit seinem zahmen Pelikan Touristen anbettelt.

Botschaft ihrer Bilder: Nichts ist erstaunlicher als das Leben

"Am meisten interessieren mich Figuren am Rande der Gesellschaft", sagt Roswitha Hecke. Dieses Interesse mag auch der Grund für ihre Rastlosigkeit sein. Sie will immer wieder eintauchen in unbekannte Wirklichkeiten, ihre Geheimnisse entdecken und einen Hauch von Fremdheit mitleben dürfen. "Durch meinen Freund und Begleiter - die Kamera - konnte ich meinen sehnlichen Wunsch, fremde Welten und Milieus zu erleben, erfüllen." Das hat sie ausführlich getan. Immer auf Reisen. Rund um die Welt. Ob in Spanien, Italien, in den USA, Mexiko, Türkei, Indien oder Marokko - dort, in Tanger, verbringt sie mit ihren zwei kleinen Söhnen Said und Ivan drei abenteuerliche Jahre in Zelten und Wohnwagen. Immer wieder ist es diese Ruhelosigkeit der Nomadin, die sich auch in ihren Porträts und Reportagen widerspiegelt.

Auf der eigenen Suche nach ihren Wurzeln reist Roswitha Hecke 2002 nach St. Petersburg und unterrichtete dort gleichzeitig an der Akademie für Bildende Kunst. Roswitha Heckes Großvater war nämlich Offizier des letzten Zaren gewesen und 1919 von den Bolschewiki in St. Petersburg kurzzeitig gefangen genommen worden. Ein Jahr später wurde er erschossen, weil er selbst einen Aufstand angezettelt hatte. Mittlerweile lebt und arbeitet die Fotografin wieder in Hamburg.

"Die Botschaft all dieser Bilder?", fragt Joachim Sartorius, Intendant der Berliner Festspiele, im Katalog zur Berliner Hecke-Retrospektive und antwortet selbst: "Nichts ist erstaunlicher als das Leben, scheint Roswitha Hecke uns zu sagen. Nie hört ihr Auge zu fragen auf. So sind ihre Bilder auch aufrichtig, manchmal humorvoll und stets unverwechselbar."