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Verwandlung: Reise ins andere Ich

Mit etwas Schminke und Perücke zeigt die französische Choreografin Christine Marneffe das Weibliche im Gesicht des Mannes - und umgekehrt

Unter den geschickten Händen der Visagistin verschwindet alles, was weibliche Wesen gemeinhin schöner macht: Wimperntusche, Lidstrich, Lippenstift, Make-up. Stattdessen ein paar Bartstoppeln über Oberlippe und Kinn, dichtere Augenbrauen, ein bisschen Gel ins Haar - und die Metamorphose ist perfekt. "Es ist nicht zu fassen", sagt die junge Frau aus Dresden, "ich sehe aus wie mein Vater, dabei dachte ich, dass ich meiner Mutter immer ähnlicher werde."

Die Idee zu diesem Wechselspiel zwischen den Geschlechtern hatte die französische Choreografin Christine Marneffe. Nicht Travestie und Kostümierung hat die Künstlerin im Sinn, sondern Bloßlegung: Mit subtilen Mitteln macht sie das Männliche im Gesicht einer Frau und das Weibliche im Gesicht eines Mannes sichtbar. Es ist ein Psycho-Verwirrspiel, das um den Gedanken kreist: Was wäre, wenn ...? Ihr geht es um Irritation und um Symbiose, um Yin und Yang, um Bruder und Schwester, um Vater und Tochter - verborgen in einer Person, in einem Gesicht. Das Ergebnis ist oft so verblüffend, dass es kaum noch möglich ist, das Original von der "Fälschung" zu unterscheiden. Sind das Geschwister? Oder Zwillinge?

Unterstützt wird Christine Marneffe von der Maskenbildnerin Cécile Kretschmar und den Fotografen Delphine Merlato und Pascal Bois, die in Schwarzweißfotos das Vorher und Nachher dokumentieren. Ob in Paris, Dijon, Montreal oder Dresden - wo immer die Franzosen waren, "die Leute rannten uns die Bude ein. Sie kamen von überall her, aus allen Altersgruppen und Schichten, vom Arbeitslosen bis zur Topmanagerin", erzählt Marneffe. Und alle wollten nur eins: die Reise ins andere Ich antreten, eine kleine Pause vom Mann- oder Frausein einlegen, den Geschlechter-Switch erleben - als Selbsterfahrungstrip mit garantiertem Rückfahrschein. "Dabei ist es meist viel schwieriger", sagt die Visagistin, "Männer in Frauen zu verwandeln. Ich glaube, das hat mit unserer Fantasie zu tun. Bei Männern hat man sehr schnell die Travestie-Nummer im Kopf."

NEUGIERIG AUF DAS ANDERE

Geschlecht sind Menschen immer gewesen, aber allmählich beginnen sie, es auch in sich selbst zu entdecken. Was heißt schon "männlich"? Oder "weiblich"? Längst gibt es keine klaren Rollenbilder mehr. Jungs tragen Lidstrich, Mädchen Hosen mit Eingriff. Gebärden, Kleidung, gesellschaftlicher Status - Paul und Paula bedienen sich hemmungslos der Insignien des jeweils anderen Geschlechts. Das Superweib im Army-Look, der Macho in der Rüschenbluse - alles nur eine Frage der emotionalen Selbstdarstellung. Und so passt es auch, dass ausgerechnet ein Fußball-Star zur Stilikone avanciert ist. Seit David Beckham den "Metro-Sex" zum Lifestyle erklärt hat, wissen Großstadtjungs, dass ein bisschen Weiblichkeit einen Mann noch lange nicht zum Weichei macht.

Wer Lust hat, im eigenen Gesicht auf Spurensuche zu gehen, hat vom 5. bis 12. Juni Gelegenheit dazu. Im Rahmen der Händel-Festspiele in Halle warten Christine Marneffe und ihre Mitarbeiter in einem Chinesischen Pavillon auf Zuschauer und Mitspieler. "La Cuisine", die Küche, so heißt diese Mischung aus Fotoausstellung und Theaterexperiment. Der Abend beginnt damit, dass die Gesichter der Gäste ab- und umgeschminkt werden, während gleichzeitig ein Essen zubereitet wird. "Die Küche", weiß Christine Marneffe, "ist ein Ort, an dem alle sich wohl fühlen. Hier kommt man bei leiser Musik und einem Glas Wein ins Gespräch, man nimmt sich Zeit fürs Kochen und fürs Essen. Und für ein kleines Spiel mit der Identität." Ein Spiel, das jeder spielen kann, der die französische Küche schätzt - und neugierig ist auf eine ungewöhnliche Entdeckungsreise ins verborgene Ich.

Irmgard Hochreither / print
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