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Ausstellung in Hamburg: Warum der stern das Siegerbild des World-Press-Photo-Awards kritisiert

Die World-Press-Photo-Awards küren jedes Jahr die besten Pressebilder. Gruner + Jahr zeigt die Fotos zur Deutschlandpremiere im Verlagshaus am Baumwall in Hamburg. Das aktuelle Siegerfoto hält stern-Chefredakteur Christian Krug jedoch für gefährlich.

Christian Krug, Chefredakteur des stern

Christian Krug, Chefredakteur des stern

Den Zeigefinger reckt er in die Höhe, die Schusswaffe hält er drohend gezückt, sein Gesicht ist wutverzerrt - so steht er kurz nach dem Attentat da, der Polizist außer Dienst, Mevlüt Mert Altintas. Kurz zuvor hat er im Dezember des vergangenen Jahres den russischen Botschafter in Ankara erschossen. Der Fotograf Burhan Ozbilici hielt die Szene fest, das Bild ging um die Welt - und wurde zum Pressefoto des Jahres 2016 gekürt. Die Jury des World-Press-Photo-Awards hob in ihrer Laudatio den Mut des Fotografen der Nachrichtenagentur AP hervor. Nun ist das Bild - neben zahlreichen beeindruckenden Pressefotos - auch in einer Ausstellung des Verlagshauses Gruner + Jahr am Baumwall in Hamburg zu sehen. Doch von der Wahl der Jury ist der stern nicht begeistert. Chefredakteur Christian Krug kritisiert das Siegerfoto. Warum, erklärt er in einem kurzen Gespräch:

Herr Krug, Sie haben die Ausstellung zu den World-Press-Photo-Awards eröffnet. Doch neben dem Siegerbild wollten Sie sich nicht ablichten lassen. Warum?

Das Foto ist ein Zeitdokument, so viel ist klar. Doch das Bild zeigt einen Attentäter in einer Siegerpose. Man sieht in der Bilderserie sogar den Getöteten. Man erahnt: Der Mann, der dort eben öffentlichkeitswirksam einen Botschafter erschossen hat, er hat Vorbilder gehabt, er steht dort wie ein Disco-Tänzer, ist ein gut aussehender Mann. All das heroisiert den Mord, den Märtyrer für eine falsche Sache.

Der Mann rief "Allahu Akba", schwor Rache für die Rolle der Russen im syrischen Bürgerkrieg ...

Dieser Attentäter ist kein Freiheitskämpfer, der sich vor dem Tian'anmen-Platz vor den Panzer stellt - für eine gute Sache, für den Frieden. Es ist auch kein gefallener Soldat. Das Foto zeigt einen Täter, der ein Manifest hinterlassen wollte.

Die Jury urteilte, der Fotograf habe "Mut bewiesen" und rechtfertigt so die Auszeichnung. Hat die Jury eine falsche Entscheidung getroffen?

Ich akzeptiere das Urteil der World-Press-Jury. Und der Fotograf hat natürlich einen guten Job gemacht. Aber ich habe ein Problem damit, dass dieses Foto preisgekrönt ist. Das Foto ziert das Cover des Buches zur Ausstellung, der Mann hängt an unserem Verlag - überlebensgroß, weil es das offizielle Plakat zur Ausstellung ist. Wenn man es überlebensgroß druckt, hat es eine heroisierende Wirkung. Da wundere ich mich, dass die Jury das nicht erkannt hat. So wird der Attentäter zum Coverboy.

Abgesehen von dem Bild - was erwartet die Besucher in der Ausstellung?

Der Award ist die größte Auszeichnung für Fotografen überhaupt. Und in gewisser Hinsicht zeigen die Bilder immer auch den Zustand der Welt. Gäbe es die Fotografen nicht, hätten wir ein anderes Bild der Erde. Es ist Augen öffnend - ja, auch an der ein oder anderen Stelle erschreckend - aber diese Bilder zeigen die Realität in all ihren Facetten.

Videotagebuch zum World Press Photo Award: Blick hinter die Kulissen


Informationen zur World-Press-Photo-Deutschlandpremiere:

Die Ausstellung ist vom 5. bis zum 28. Mai im Foyer des Gruner + Jahr-Pressehauses zu sehen, Am Baumwall 11, 20459 Hamburg.

Die Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch 10-20 Uhr.

Der Eintritt ist frei. 

Die Ausstellung zieht in jedem Jahr rund 50.000 Besucher in das Hamburger Verlagshaus. Gruner + Jahr ist zum 23. Mal Gastgeber der Deutschlandpremiere. Die Ausstellung zeigt Arbeiten von 45 Fotografen aus 25 Ländern.

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